Ein Fangirl im Ruhrpott #1: Antigone bei den Ruhrfestspielen

Wer hätte gedacht, dass ich für englisches Theater nicht nur nach London fliegen würde, sondern auch nach Recklinghausen fahren würde? 😉 Begonnen hat es damit, dass mir schauwerte bei unserem London-Aufenthalt (ich berichtete hier, hier, hier, hier und hier 😉 ) schon mal das Barbican Theatre gezeigt hat, in dem im Sommer/Herbst Benedict Cumberbatch den Hamlet geben wird. Da sah ich ein großes Plakat, auf dem Juliette Binoche als Antigone zu sehen war. Da ich Juliette schon seit Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins (1988) verehre, sagte ich zu schauwerte, dass ich das Stück ja auch sehr gerne sehen würde. „Das spielen sie auch auf den Ruhrfestspielen!‟, war ihre Antwort. Wie praktisch, dass sie auch im Ruhrgebiet wohnt – so wurde recht schnell unser nächstes Zusammentreffen geplant.

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Antigone

Das Ruhrfestspielhaus von Recklinghausen liegt sehr pittoresk auf einem Hügel, umgeben von Bäumen, die sich zum Teil in der bunten Glasfassade spiegeln. Das Publikum war im Durchschnitt deutlich älter als wir, und das Catering im Selbstbedienungsbereich draußen war sehr schwach: Der einzige vegetarische Snack (schauwerte ist Vergetarierin), auf den wir zurückgreifen konnten (trotz anders lautender Karte), waren Brezen.

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Der Inhalt

Antigones Brüder Eteokles und Polyneikes haben sich vor den Toren Thebens gegenseitig getötet, ihr Onkel Kreon, der nun die Herrschaft über die Stadt Theben an sich reißt, ordnet an, dass nur Eteokles beerdigt werden soll, während der Leichnam seines Bruders, der die Stadt erobern wollte, unbestattet liegen gelassen werden soll. Antigone will ihren Bruder dennoch bestatten, damit er ins Reich der Toten eingehen kann. Da die Übertretung von Kreons Verbot mit dem Tod bestraft wird, weigert sich Antigones Schwester Ismene, ihr zu helfen. Antigone wird ertappt (in diesem Moment will Ismene doch mit ihr zusammen bestraft werden, was Antigone jedoch ablehnt) und zur Strafe lebendig in einem Grab eingemauert, obwohl sie mit Haimon, dem Sohn Kreons, verlobt ist. Dies führt zu einer Reihe von Selbstmorden: Antigone hängt sich auf, worauf Haimon erst seinen Vater angreift, jedoch verfehlt und sich dann in sein eigenes Schwert stürzt. Als Eurydike, Kreons Frau und Haimons Mutter davon erfährt, bringt auch sie sich um, wodurch Kreon alles genommen worden ist. So muss er einsehen, dass er falsch gehandelt hat.

Der Text

Was ich vorher schlichtweg überlesen hatte, steht doch schon auf den Eintrittskarten: Es handelte sich um eine neue Übersetzung (von Anne Carson), und so stolperte ich ganz schön über so Wörter wie „guy‟ und „terrorist‟, die aus meiner Sicht überhaupt nicht zu der griechischen Tragödie passten. Sicher, Ivo van Hove (er führte auch Regie bei A View from the Bridge), lässt die Geschichte ohnehin nicht in der Antike spielen, Bühne und Kostüme (Anzüge, High Heels) deuten an, dass das Stück in der Gegenwart spielen soll. Trotzdem ging für mich der Charakter des Stücks etwas durch die zum Teil recht moderne Sprache verloren.

Das Bühnenbild

Obi Abili, Juliette Binoche, Patrick O´Kane Quelle: theguardian.com

Das Bühnenbild war das, was mir fast am besten gefallen hat: schwarzer Bühnenboden auf zwei Ebenen. Auf der unteren, schmaleren Ebene ein paar Sofas, Schränke/Regale, ein Schreibtisch mit Stuhl – alles recht unauffällig und abschließend mit der Kante der oberen Ebene, auf die zwei Treppen rechts und links führen. Schlicht. Die obere Ebene war komplett leer, aber mit einer Hebebühne versehen, über die z. B. der Körper des Polyneikes auf und wieder unter die Bühne gehoben worden ist. Die Rückwand der Bühne war von einem großen Kreis bestimmt, je nachdem wurde daraus eine Mondsichel oder die Sonne. Das war zwar sehr effektiv und sah auch gut aus, aber man hatte zeitweise das Gefühl, ständig in die Sonne zu schauen, was zumindest meine Augen ziemlich angestrengt hat. Dazu gab es – und das erinnerte an A View from the Bridge – eine Tür. Auf die Wand wurden außerdem verschiedenen Bilder projeziert. Mal waren es wüstenähnliche Landschaftsaufnahmen, manchmal sah man verschwommene Bilder von Menschen.

Die Inszenierung

Ja, griechische Tragödien sind harte Kost, und Antigone ist diesbezüglich keine Ausnahme. Trotzdem hätte ich nicht erwartet, dass ich so mit der Müdigkeit würde kämpfen müssen. Ich schob es zunächst auf die Reihe 9 – viel weiter weg, als bei meinen letzten Theaterbesuchen – und die kurze Nacht, die ich gehabt hatte, aber da es schauwerte ähnlich erging (und das Stück auch schon um 18:00 begonnen hatte), musste es doch an der Inszenierung liegen, die mich kein bisschen berührt hat, obwohl viel geweint und geschrien wurde. Dabei fing es optisch sehr gut an: Juliette Binoche betritt von links die Bühne und geht nach rechts – gegen den Wind, der von rechts kommt. Haare und Kleidung wehen im Wind – ein starkes Bild. Aber schon der erste Dialog (im Prolog) zwischen Antigone und Ismene (Kirsty Bushell) kann mich nicht reinziehen in die Geschichte, ich kann mich nicht mit Antigone identifizieren, nicht mit ihr mitfühlen. Bin ich zu weit weg vom Geschehen? Das frage ich mich an dieser Stelle. Doch auch im weiteren Verlauf kann mich Juliettes Spiel nicht erreichen, einzig die Szene, als sie ihren Bruder wäscht und dann mit Sand (?) beschmiert, um ihn zu beerdigen, finde ich anrührend.

Photo: Jan Versweyveld – Quelle: theguardian.com

 

Ich versuche ständig, Gefühle für die Hauptperson zu entwickeln, aber es will mir einfach nicht gelingen. Schwierig ist ja auch Juliette Binoches Besetzung überhaupt: sie ist 50, spielt aber eine junge Frau, die beklagt, das sie nun „unwed‟ und ohne Kinder gehabt zu haben in den Tod gehen muss. Ich wollte schon rufen, dass es in ihrem Alter eh etwas schwierig werden sollte, noch Kinder zu bekommen… Natürlich sieht Binoche „für ihr Alter‟ wirklich fantastisch aus, aber so richtig passt das eigentlich nicht.

Wer mich allerdings vom ersten Auftritt an begeistert, ist der Darsteller Kreons (Patrick O’Kane), der mich wirklich überzeugt. Er hat eine ganz besondere Art zu sprechen, schauwerte empfand es fast als Sprachfehler, ich habe ihn einfach als den natürlichsten Sprecher empfunden irgendwie. Oh, und ich sehe gerade, dass er wohl auch bei Game of Thrones eine Rolle hatte. Allerdings passt auch hier das Alter nicht zur Rolle. Er ist genau so alt wie Binoche, soll aber ihr Onkel – und angehender Schwiegervater – sein. Solche Dinge finde ich ja bei Schultheater unumgänglich, aber bei Profis schon etwas irritierend.

Die Entscheidung, den antiken Chor von verschiedenen Personen sprechen zu lassen, ist zwar auf der einen Seite nachvollziehbar (Ismene oder Eurydike hätten sonst insgesamt sehr wenig zu tun gehabt), aber verwirrte doch sehr. Spricht gerade Ismene oder der Chor? Selbst Juliette Binoche „verwandelte‟ (es gab kein sichtbares Zeichen dafür) sich nach ihrem Tod in den Chor. Jemand, der den Text sehr genau kennt, mag das ja schnell nachvollziehen können, aber ich habe das Stück zuletzt als Jugendliche in der Schule als Aufführung erlebt und musste schon sehr gut aufpassen, um mitzukommen, wer da gerade eigentlich spricht.

Und dann ist da noch das Ende. Die Schauspieler – bis auf Binoche und O’Kane – setzen sich plötzlich an Schreibtisch oder ähnliches, gehen typischen Großstadt-(Büro-)Tätigkeiten nach, während nun auf der Bühnenwand eine nächtliche Großstadtsilhouette auftaucht. Ähm – wo ist hier der Zusammenhang? Wir waren wirklich ratlos, auch ob des begeisterten, lang anhaltenden Applauses. Schließlich gab es sogar noch Standing Ovations – und es war wohl das erste Mal, dass ich mich dem verweigert habe. Wir sind sogar vor dem letzten Vorhang gegangen. Das Stück hatte sicher seine Momente, es war nicht wirklich schlecht, aber es hat mich nie wirklich abgeholt und Juliette Binoche hat die Bühne nicht so recht füllen können, so leid es mir tut, dies zu sagen.

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2 Antworten zu Ein Fangirl im Ruhrpott #1: Antigone bei den Ruhrfestspielen

  1. bullion schreibt:

    Schöner Bericht einmal wieder. Zum Stück kann ich nichts sagen, doch deine Kritik klingt nachvollziehbar. Juliette Binoche ist als 50. Wahnsinn. Sieht man ihr wirklich nicht an. Für die Rolle erfordert es beim Zuschauer allerdings wohl doch ein wenig mehr suspension of disbelief… 😉

    • singendelehrerin schreibt:

      Danke! 🙂 Ich denke, Antigone soll eigentlich noch unter 20 sein, denn damals wurde ja eher früh geheiratet. Klar könnte man sagen, dass das Alter für die Rolle nicht so relevant ist, warum soll nicht auch eine 50-Jährige ihren Bruder beerdigen wollen? Aber dann passt halt ihre Klage nicht mehr, dass sie jetzt unverheiratet und ohne Kinder ins Grab gehen muss…

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