Neulich beim SNEAKen: Child 44 (Kind 44; Daniel Espinosa, CZE/UK/Rum/USA)

Vorbemerkung: OK, ich gebe es zu, ein bisschen habe ich bei Jacker geklaut, der seine Berichte von der Sneak Preview mit „GeSneakt“ einleitet. Ich fand, es wäre an der Zeit, die Filme aus der Sneak zu kennzeichnen.

Quelle: http://schmoesknow.com/ Eine Frechheit finde ich, dass Joel Kinnaman nicht mit auf dem Plakat ist – er hat eine größere Rolle als Gary Oldman!

Schon ein Genuss, an zwei Tagen hintereinander Tom Hardy in zwei unterschiedlichen Filmen zu erleben: am Donnerstag als Mad Max und am Freitag als Leo Demidov, einem sowjetischen Geheimpolizisten in der Stalin-Ära. Hm, sind/waren doch beide Polizisten, also doch nicht so unterschiedlich? Ich finde schon.

Der Film wird ja bei den Kritikern nicht sehr hoch bewertet (Metacritic: 41 von 100, Rotten Tomatoes: 23%), was ich darauf zurückführe, dass viele einen Thriller erwarten, in dem es in erster Linie um die Jagd nach dem Serienmörder geht, der Buben umbringt und an Bahnlinien ablegt. Das ist zwar tatsächlich auch der wahre Hintergrund der Story, die hinter dem Roman von Tom Rob Smith steht, aber meines Erachtens – und so sah es auch meine Begleiterin, die die Romanvorlage gelesen hat – zeichnet dieser Film eher ein Bild des Lebens unter der Diktatur Stalins, anhand der Hauptperson Leo Demidov.

Leo ist Waise und flieht als Kind aus einem schrecklichen Waisenhaus. Er wird von einem Mann gefunden und wohl in die Familie aufgenommen. Später kämpft er im Zweiten Weltkrieg – und ist einer der beiden sowjetischen Soldaten, die auf dem Reichstag die sowjetische Flagge hissen. Nach dem Krieg spürt er als MGB-Agent (Ministerium für Staatssicherheit) „Verräter“ auf , im Gegensatz zu seinem Kollegen Vasili (Joel Kinnaman) hat er aber auch einen Gerechtigkeitssinn und neigt nicht zu „sinnlosen“ Erschießungen. Als Vasili Leos Frau Raisa (Noomi Rapace) als Spionin anschwärzt, beschattet Leo sie zwar, stellt sich aber letztlich nicht gegen sie.

So wird Leo in die Provinz nach Wualsk zwangsversetzt. Weg aus einer großen, standesgemäßen Wohnung in Moskau – nun müssen wie mit einem kleinen Zimmer vorlieb nehmen. Eine schwierige Situation für das Paar, zwischen dem es auch kriselt. Erstmals bekommt Leo von Raisa Dinge zu hören, die seine Frau bisher vor ihm verschwiegen hatte. Doch durch die schwierigen Umstände und Leos beginnendem Interesse an den getöteten Kindern, wächst das Paar wieder zusammen.

DAS ist für mich die Hauptgeschichte – die Kriminalgeschichte ist für mich den Nebenplot, im Grunde genommen nur die Möglichkeit für Leo, sich zu rehabilitieren. Er will die Morde unbedingt aufklären, trotz vieler Steine, die ihm in den Weg gelegt werden.

Was dem Film gut gelungen ist: Er lässt das Leben unter stalinistischer Herrschaft (nach dem Zweiten Weltkrieg) greifbar werden: staatliche Kontrolle, Spitzeltum, Folter, willkürliche Erschießungen… Verdeutlicht wird diese repressive Stimmung auch durch das trostlose Grau, das die meisten Bilder bestimmt.

Tom Hardy schlüpft – wieder einmal – so vollständig in seine Rolle (bis hin zum russischen Akzent), dass man ihn einfach nur völlig fasziniert beobachtet, jede Gefühlsregung, jede Geste, jeden Blick will man mitbekommen. Er zeigt ein weites Spektrum an Gefühlen; denn unter dem harten Geheimpolizist steckt ein weicher Kern, ganz besonders im Umgang mit (Waisen-)Kindern.

Noomi Rapace spielt das zweite Mal innerhalb eines halben Jahres die Frau an seiner Seite (das letzte Mal in The Drop) – auch hier eine perfekte Besetzung! Ihr Gesicht wirkt ja eher hart, und anfangs scheint sie auch eher emotionslos, was sich aber im Laufe der Geschichte ändert, so wie sich auch die Beziehung zwischen Raisa und Leo ändert. Es ist eine dieser Liebesgeschichten, die keine Liebesschwüre brauchen, sondern in denen Taten und Entscheidungen Bände sprechen.

Joel Kinnaman spielt Leos Gegenspieler Vasili schön fies, wobei er gleichzeitig  klar macht, dass er eigentlich ein „Schwächling“ ist. Er und Gary Oldman bekommen allerdings den Akzent nicht so hin, wie Tom Hardy.

Dies führt direkt zu meinem Hauptkritikpunkt: Warum lässt man in einem Film, der komplett auf Englisch gedreht ist, aber komplett in der Sowjetunion spielt (ohne „Ausländer“, mit denen die Protagonisten Englisch sprechen müssten), ALLE mit Akzent sprechen? Das störte mich schon bei Der Vorleser (wobei es da z. Tl. noch schlimmer war, weil im Hintergrund dann sogar manchmal Deutsch gesprochen worden ist, was NOCH unlogischer war) und bei Die Liebe in den Zeiten der Cholera. Und auch wenn ich zugeben muss, dass es durchaus dazu beigetragen hat, dass Tom Hardy „noch russischer“ wirkte, ist es einfach unlogisch und deswegen für mich ein Ärgernis. Wenn der Bösewicht im Bond-Film einen _klassische Bösewichtnationalität einfügen_ Akzent hat, ist das OK, denn er kommuniziert ja mit Bond auf Englisch. Aber hier müssten entweder alle Russisch oder alle „normales“ Englisch sprechen.

Was wohl sowohl dem Buch (laut meiner Freundin) als auch dem Film anzukreiden ist, ist das anfangs erwähnte Problem: Ist es nun ein Krimi, ein Thriller oder ein Beziehungsdrama vor dem Hintergrund des Stalinismus der Nachkriegszeit? Für mich handelt es sich eher um ein Drama, Zuschauer, die einen Krimi erwarten, werden wohl eher enttäuscht sein.

7 von 10 Punkten (mindestens ein Punkt davon geht jedoch an Tom Hardy).

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5 Antworten zu Neulich beim SNEAKen: Child 44 (Kind 44; Daniel Espinosa, CZE/UK/Rum/USA)

  1. Schlopsi schreibt:

    Bin ja sehr skeptisch. Liebäugle schon länger mit der Vorlage und der Film an sich reizt schon. Aber ich hätte wohl tatsächlich lieber einen reinrassigen Thriller gesehen als das?

    • singendelehrerin schreibt:

      Tja, ein „reinrassiger Thriller“ ist wohl weder Buch noch Film. Musst du entscheiden, ob du dich drauf einlassen willst. Immerhin weißt du jetzt schon mal, dass es eben KEIN reinrassiger Thriller ist. Das hilft ja manchmal schon. 😉

      • Schlopsi schreibt:

        Ja, vielen Dank dafür. Dann wird wohl oder übel auf die Heimkinoauswertung gewartet. Wie gesagt, er reizt ja trotzdem. Vielleicht spricht aber gerade dieses verquere an.

  2. Daniela schreibt:

    Sehr gute Kritik. 🙂 Ich empfinde genauso. Ich hätte auch die gleiche Punktzahl gegeben.
    Ja, das Buch ist eher ein Drama als ein Thriller, und es wurde völlig falsch vermarktet.
    Der Trailer des Films ist genauso irreführend. Kein Wunder wenn viele dann enttäuscht sind.
    Ich finde den Film allerdings besser als das Buch, was bei mir sehr selten vorkommt, aber Tom und Noomi sind einfach fantastisch und haben ein tolle Chemistry. Sie hauchen den Figuren erst so richtig Leben ein. Ich habe mir am Wochenende danach gleich nochmal The Drop angesehen. Dann noch RockNRolla. *grins* Tom Hardy macht Jeremy echt Konkurrenz.

  3. jacker schreibt:

    Ach was, bei mir geklaut 😉
    Das ist ja, als würde ich sagen, du hast bei mir geklaut auf dein Brot ne Schicht Butter zu streichen 😉

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