Before Sunrise/Sunset/Midnight (Richard Linklater 1995, 2004, 2013)

Quelle: feelthefilms.wordpress.com

Endlich habe ich meinen Before-Marathon abgeleistet – und fast hatte dies etwas von Linklaters Langzeitprojekt Boyhood, denn auch in dieser Reihe kann man den Protagonisten Jesse und Celine beim „Wachsen‟ zusehen. Und wenn ich den letzten Film auch korrekt 2013 im Kino angesehen hätte, hätte ich die Filme auch genau im richtigen Abstand gesehen (noch dazu bin ich ungefähr im gleichen Alter) – eine fantastische und mutige Idee, jeweils neun Jahre dazwischen vergehen zu lassen.

Was alle drei Filme dieser Reihe verbindet, sind die nicht enden wollenden Unterhaltungen zwischen Jesse und Celine – und ich meine dies im positiven Sinne! Eigentlich könnte man auch ein Theaterstück daraus machen, denn im Grunde genommen braucht man alles um die zwei Liebenden herum gar nicht. Ich war auch am Anfang von Midnight richtiggehend irritiert, weil relativ lang da eine ganze Gruppe von Menschen war, bis sich dann das Paar (endlich!) von der Gruppe löst und man dann wieder einfach den beiden zusehen darf. Allerdings sind die Dialoge im dritten Teil dann doch eine ganze Ecke härter – dazu gleich mehr. Was ich toll finde, ist, dass offensichtlich Ethan Hawke und Julie Delpy bei Film 2 und 3 am Drehbuch beteiligt waren. Die Vorstellung, dass sie selbst mitentschieden haben, was sie sagen, finde ich einfach schön.
Ich möchte in dieser Kritik aller drei Filme nur ein paar Highlights herausstellen – trotzdem: wer die Filme noch nicht gesehen hat: SPOILERALARM!

Before Sunrise ist durch und durch romantisch. Diese Idee, dass man, Anfang 20, jemand Wildfremdes im Zug anspricht und dann die ganze Nacht redend mit ihm/ihr durch eine Stadt (hier: Wien) läuft – und sich in dieser kurzen Zeit ineinander verliebt – ist doch sicher etwas, das sich jeder schon einmal erträumt hat (vielleicht sogar erlebt?). Es liegt ein ganz besonderer Zauber in der Luft (in Wien eh leicht vorstellbar – ich liebe diese Stadt!) – und es funkt massiv zwischen dem Amerikaner und der Französin. Eine meiner Lieblingsszenen ist, als sie sich in dem Plattenladen – eng nebeneinander sitzend in der kleinen „Zelle‟ – das Lied „Come here‟ von Kath Bloom anhören, und sich dabei nicht trauen, sich in die Augen zu sehen, aber ihren verstohlenen Blicken total anzumerken ist, dass sie den jeweils anderen total anziehend finden. Viel schöner als der erste Kuss.

Die zweite Lieblingsszene ist diese hier:

Ich glaube, ich habe den Film nun erstmals auf Englisch angesehen, wodurch der Kontrast zu den Wienern deutlicher wurde. Mir hat besonders gefallen, dass wirklich Österreicher für die Kaffeehaus-Szenen etc. eingesetzt worden sind. Schon der Streit des Paares im Zug war göttlich! Dem Abspann nach zu urteilen, hat Linklater auch hinter der Kamera auf Österreicher zurückgegriffen. Find ich super.

Before Sunset ist anfangs noch recht unemotional, wie ich finde. Erst dadurch, dass sich die beiden gegenseitig gestehen, dass sie in ihren Beziehungen unglücklich sind, kommt das Gefühl auf, „Mensch, das könnte doch diesmal was werden‟. Und dann kommt einfach das beste Ende eines Liebesfilms. Erst dieses wunderbare Lied, das Celine singt. Und dann, als Celine zum wiederholten Male sagt, „You’re gonna miss your flight‟, Jesses einfache Antwort, die alles sagt: „I know.‟ Schwarzer Bildschirm. Abspann. Perfekt!

Before Midnight zeigt nun, was passiert, wenn der Alltag in einer Beziehung eingekehrt ist. Das Spielerische, das das Hin und Her zwischen Jesse und Celine oft bestimmt hat, ist ein wenig abhanden gekommen. Die beiden haben Zwillinge und leben in Frankreich (sind aber gerade zum Urlaub bei einem Autor in Griechenland), Jesse hat aber zunehmend das Gefühl, dass er näher an seinem Sohn aus erster Ehe sein möchte, der bei der Mutter in Chicago lebt. Für Celine klingt das sofort so, als würde Jesse von ihr verlangen, dass sie das Jobangebot, das sie hat, ausschlägt und mit ihm nach Amerika zieht. Das Ganze artet in einen großen Schlagabtausch aus, in dem wirklich harte Worte fallen. Es „endet‟ damit, dass Celine geht und Jesse sagt, dass sie ihn nicht mehr liebt. In diesem Konflikt war ich interessanterweise viel mehr auf Jesses Seite. Und seine Schlussrede ist dann auch wieder so romantisch, aber auf eine bodenständige Art, dass nicht nur Celine Tränen in den Augen hatte. Nach dieser Ansprache ist auch Celine wieder klar, dass sie ihn noch liebt.

Jesse: You’re just like the little girls and everybody else. You wanna live inside some fairy tale. I’m just trying to make things better. I tell you that I love you unconditionally, I tell you that you’re beautiful, I tell you that your ass looks great when you’re 80. I try to make you laugh.
Celine: Ok.
Jesse: All right, I put up with plenty of your shit. And if you think I’m just some dog who’s gonna keep coming back, then you’re wrong. But if you want true love, then this is it. This is real life. It’s not perfect, but it’s real. And if you can’t see it, then you’re blind, all right, and I give up.

Und das ist für mich die großartige „Moral von der Geschicht‟ dieser Kinoliebe: Selbst wenn eine Beziehung so romantisch beginnt, wahre Liebe zeigt sich wohl erst, wenn man zusammen auch den Alltag meistert. Auch wenn man durch schwierige Zeiten geht, mal Phasen durchsteht, in denen man glaubt, die Liebe verloren zu haben, kann man sich immer wieder vor Augen führen, was man am Partner hat. Sicher, es zerbrechen Beziehungen, aus Liebe wird manchmal Hass – oder Gleichgültigkeit -, und dann sollte man sicher auch die Notbremse ziehen. Aber – und das ist jetzt meine ganz persönliche Meinung, scheint mir aber auch die Botschaft von Midnight zu sein – viele werfen die Flinte auch zu leichtfertig ins Korn. Das schließt nicht aus, dass, sollte es in neun Jahren nochmal einen Before-Film geben, es nicht doch irgendwann zur Trennung kommt. Eine Garantie gibt es nie.

Ich liebe diese drei Filme als Gesamtkunstwerk und finde es fantastisch, dass der dritte Teil zeigt, dass auch die romantischste Liebesgeschichte nicht ohne Konflikte und ohne Zweifel auskommt! 9 von 10 Punkten!

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10 Antworten zu Before Sunrise/Sunset/Midnight (Richard Linklater 1995, 2004, 2013)

  1. bullion schreibt:

    Toll, toll, toll! Es freut mich sehr, dass du dich noch einmal der gesamten Reihe gewidmet hast – und auch, dass du die hoffnungsvollen Aspekte aus „Before Midnight“ hervorhebst. Diese werden nur zu gerne übersehen – und die Entwicklung ist einfach realistisch. Keine Beziehung ist nach all den Jahren des Alltags noch wie in dieser ersten romantischen Nacht in Wien oder sonstwo. Hach, da bekomme ich ja selbst noch einmal Lust auf die Filme… 😀

    • singendelehrerin schreibt:

      Na, dann hab ich ja mein Ziel erreicht! 😉

      Die meisten Liebesfilme beschäftigen sich ja primär mit dem „Wie kommen sie zusammen?“ und weniger mit „Wie bleiben sie zusammen?“, obwohl das ja in der Realität das Wichtigere ist. Und das Zusammenbleiben ist halt nicht immer prickelnd…

  2. Libertarian Anonymous schreibt:

    Ich kenne leider nur die ersten beiden Filme, der erste Teil gehört sicher zu meinen Lieblingsfilmen, der zweite Teil nicht so sehr. „Before Sunrise“ habe ich übrigens auch mal mit einer Frau angeschaut, die hinterher sinngemäß meinte: „Na toll, die haben die ganze Zeit ja nur geredet.“. Was soll man dazu noch sagen? :-/

  3. Schlopsi schreibt:

    War die zweite Lieblingsszene nicht mal bei bullion in der Blogparade? Seitdem habe ich ja auch irre Lust, mir die Reihe mal anzusehen. Und jetzt wo sie bei dir auch so gut eingeschlagen ist, wird das auch bald mal geschehen müssen. Sehr fein! 🙂

    • singendelehrerin schreibt:

      Da müssten wir wohl bullion fragen – was für eine Blogparade meinst du denn?

      Na, dann bin ich ja gespannt, wie dir die Reihe gefallen wird. Die nächste Trilogie – GANZ anderer Art – will ich dieses Wochenende angehen: die Revenge-Trilogie. Mal schaun, ob ich so viel Rache auf einmal durchhalte… 😉

      • Schlopsi schreibt:

        Die sexy 6×6 Blogparade. Vielleicht irre ich mich aber auch.
        Das freut mich. Mit welchem fängst du denn an?
        Nach „Oldboy“ und den Tag darauf „Sympathy for Mr. Vengeance“ habe ich erstmal eine mehrtägige Verschnaufpause gebraucht, ehe es an die Lady ging…
        Freue mich schon auf einen Artikel dazu! 🙂

        • singendelehrerin schreibt:

          Ah, du hast Recht: „Before Sunrise“ war dabei! Sehr cool! 🙂

          Hm, ich hätte jetzt geschaut, welcher Film zuerst veröffentlicht wurde, und mit dem angefangen. Oder empfiehlst du eine andere Vorgehensweise?

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