Update zu „A View From the Bridge“: NT LIVE Übertragung vs. Live-Feeling

Photo by Jan Versweyveld. — at Young Vic Theatre.

Letzten Donnerstag konnte ich das erste Mal vergleichen, wie unterschiedlich dasselbe Theaterstück wirkt, je nachdem, ob man es live vor Ort oder über Satellit im Kino sieht.

Ich verrate es vorweg: für mich war das Live-Erlebnis VIEL intensiver, was sich schon allein in der jeweils eingenommen Sitzhaltung gezeigt hat. Im Wyndham’s Theatre saß ich ziemlich aufrecht und mit der Zeit immer angespannter in meinem Sitz – ich war on the edge, und zwar wörtlich. Ich spürte förmlich, wie sich die Anspannung auf der Bühne auf mich übertrug und meine ohnehin schnell verspannten Schultern schmerzen ließen. Im Cinema saß ich recht entspannt, soweit dies in diesem Kino mit wenig Beinfreiheit möglich ist, leicht runtergerutscht in meinem Sitz, sodass ich den Kopf noch anlehnen konnte. Ob dies jedoch der Tatsache geschuldet war, dass ich ja schon wusste, was kommt, oder ob es an der Übertragung lag, vermag ich nicht mit Sicherheit zu sagen.

Größtes Manko bei der gefilmten Übertragung ist, dass ich nicht selber auswählen kann, wo ich gerade hinsehen will – das entscheidet die Bildregie im Theater. Und meines Erachtens wurde da auch nicht immer „richtig‟ entschieden, zumindest nicht für mich. Nun war ich live vor Ort in meiner freien Bildauswahl auch etwas eingeschränkt, weil ich zwar sehr nahe an der Bühne saß, aber seitlich, sodass manchmal Schauspieler mit dem Rücken zu uns standen. Trotzdem fühlte ich mich viel freier in dem, was ich betrachten konnte. Ob es Mark Strong als Eddie Carbone war, dem ich dabei zusah, wie er sich wusch, die Arbeitshose auszog und sich dann wieder anzog, oder ob ich Nicola Walker (als seine Frau) dabei beobachtete, wie sie auf Eddie und Catherine reagiert, oder ob ich die Reaktionen des „Erzählers‟ , der am Rande das Geschehen betrachtete, versuchte wahrzunehmen.

Das konnte die Tatsache, dass ja im Grunde genommen nun alle noch viel größer zu sehen waren, nicht wettmachen. Die kleinen Fehler beim Scharfstellen der Kamera und die leichten „Aussetzer‟ des Satelliten waren da die kleineren Probleme.

Das klingt jetzt alles recht negativ. Es hat sich aber durchaus gelohnt, das Stück noch ein zweites Mal, und nun eben über die Leinwand zu sehen. Manche Lichteffekte wirkten von vorne irgendwie besser, überhaupt war es schön, die Bühne auch aus anderen Perspektiven zu sehen. Denn NT Live hatte natürlich nicht nur Kameras vorne, sondern auch an den Seiten, sodass ich neben der Totalen von vorne, die mir ja live auch fehlte, jetzt auch genau die entgegengesetzte Blickrichtung von gegenüber erleben konnte. Das war schon interessant und gab auch ein paar neue Einblicke. Außerdem hat mir Phoebe Fox als Catherine beim zweiten Mal besser gefallen, ihr Hin- und Hergerissensein kam für mich irgendwie besser rüber. Ob sie letzte Woche einfach besser gespielt hat oder ich durch die Leinwand doch mehr von ihrem Mienenspiel sehen konnte, ich weiß es nicht.

Fazit: Der direkte Vergleich hat mir gezeigt, dass das Seherlebnis im Theater vor Ort intensiver, unmittelbarer und „freier‟ ist. Trotzdem haben ja meine vorherigen Erfahrungen mit NT Live auch gezeigt, dass mich auch Stücke, die den Umweg über den Satellit zu mir nehmen, völlig vereinnahmen und begeistern können (Frankenstein werde ich mir sicher auch noch ein achtes Mal ansehen! 😉 ). Ein bisschen besorgt bin ich, was Hamlet anbelangt. Das Stück mit Benedict Cumberbatch werde ich mir ja ZUERST auf der Leinwand und DANN live im Theater ansehen. Ich hoffe, dadurch wird das Live-Erlebnis nicht abgeschwächt. Wobei mir ja in diesem Fall ohnehin das Stück bekannt ist, es werden also keine inhaltlichen Wendungen vorweggenommen. Wohl aber inszenatorische Ideen und schauspielerische Leistungen. Aber: Zweimal ist besser als einmal! 🙂

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7 Antworten zu Update zu „A View From the Bridge“: NT LIVE Übertragung vs. Live-Feeling

  1. butmadnorth schreibt:

    Beim RSC Much Ado About Nothing Kurs wurde das ‚Leiten‘ des Publikums über die Bildregie als Vorteil der Übertragungen angeführt. Fand ich irgendwie witzig, nachdem wir am Freitag darüber gesprochen hatten und beide anderer Meinung waren.

  2. KirstenSE schreibt:

    Wer lehrt denn so einen Schwachsinn! Alle Theater Fans die ich kenne einschließlich ich selbst, sehen die „vorgegebene Blickrichtung“ als Hauptproblem bei einer Filmübertragung. Mich hat es hier nur einmal richtig gestört – ich hätte Mark Strong am liebsten die ganze Zeit beim Duschen und anziehen angesehen- im Young Vic saß ich direkt vor ihm und konnte das genießen 😉

    • singendelehrerin schreibt:

      😀 I know what you mean! Wir saßen ja im Wyndham’s auch recht nahe dran, und ich hab mich vollkommen auf Mark konzentriert bei bewusster Stelle – was für ein grandioser Einstieg ins Stück! 🙂

  3. zirkusmanege schreibt:

    Schade, dass diesmal nicht geklappt hat mit unserem gemeinsamen „Theater“-Abend. Zumal ich ja wirklich was verpasst habe – seufz. Bin beim nächsten Mal auf jedenfall wieder mit an Bord.

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