James McAvoy in „The Ruling Class“ (Trafalgar Transformed, Regie: Jamie Lloyd) #1: Review

Trafalgar Studios

Don’t Believe the Hype!

Meine Erwartungen hätten nach den enthusiastischen Kritiken zu James McAvoys Performance in The Ruling Class (ich berichtete HIER und HIER), nicht höher sein können. Und dennoch wurden sie noch übertroffen – auch wenn es mir schwer fallen sollte, noch mehr Superlative zu finden als meine britischen „Kollegen‟, um zu beschreiben, in welchen „ekstatischen‟ Zustand mich James in diesem Stück versetzt hat.

Doch zunächst ein paar Worte zum Inhalt (spoilerfrei für diejenigen, die das Erlebnis noch vor sich haben).

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Handlung

Der 13th Earl of Gurney ist tot: „Accident brought on by the strain of overwork‟. (Warum diese offizielle Lesart seines Todes für Gelächter im Publikum sorgte, verrate ich nicht.) In seinem Testament vermacht er seinem Butler Tucker 20.000 Pfund (Skandal!) und den Rest seines „Estates‟ seinem Sohn Jack, der sich seit sieben Jahren (freiwillig) in einer privaten psychiatrischen Klinik befindet. Diagnose: paranoide Schizophrenie. Der Rest der Familie – Bruder Sir Charles und seine Frau Claire, deren Sohn Dinsdale und der Bischof Lampton (auch irgendwie verwandt) – ist entsetzt: Wie soll der verrückte Jack ihren Besitz verwalten, ihre Familie repräsentieren, den Sitz im House of Lords einnehmen? Als Jack dann tatsächlich sein Erbe antreten will – ER, der Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist ist (ihr dürft ihn gerne „J. C.‟ nennen) – gibt es für die Familie nur eine Möglichkeit: Er muss einen (männlichen) Erbfolger „produzieren‟, und sobald dieser geboren ist, kann man ihn endgültig als „certifiable‟ ins Irrenhaus einweisen lassen. Oder vielleicht kann der deutsche Dr. Paul Herder ihn doch heilen? Ende des 1. Aktes sieht es danach aus – doch getreu dem Spruch „Be careful what you wish for‟ hat diese Heilung nicht unbedingt die gewünschten Folgen…

Mehr möchte ich zum Plot nicht verraten. Da das Stück von Peter Barnes (Uraufführung 1968) das erste Mal seit 1969 wiederaufgeführt wird, ist es doch recht unbekannt, und so kann man sich wunderbar überraschen lassen durch allerlei Wendungen und Dialoge voller Witz. Den Dialogen werde ich einen extra Artikel widmen.

Aber was ist eigentlich das Thema des Stückes? Es ist ganz klar ein sozialkritisches Stück, eine Kritik an der „Ruling Class‟, also der Aristokratie. Es gibt da einige entlarvende Sätze, die von den Gurneys kommen, aus denen deren Arroganz und deren Abscheu gegenüber der Arbeiterklasse deutlich wird, und im Gegenzug wettert der Butler Tucker über die Upper Class. Er kann aber nicht gewinnen…

Die Inszenierung

The Ruling Class_Cast&Crew

Anders als Jamie Lloyds Inszenierung von Richard III wurde The Ruling Class nicht in eine andere Zeit versetzt. Soweit ich das Drama und die Inszenierung bisher vergleichen konnte, hält sich Lloyd relativ strikt ans Original, und zwar nicht nur, was den Text angeht, sondern auch, was Bühnenbild, Kostüme (mit wenigen Ausnahmen, die aber z. Tl. ganz im Sinne der (weiblichen) Zuschauer waren) und Requisiten anbelangt. Kleine Weglassungen und Änderungen („He’s a Leftie‟ statt „He’s a Bolshie‟, z. B.) habe ich entdeckt, und ein, zwei Freiheiten hatte James in seiner Darstellung des Jack, aber ansonsten ist es eine sehr werkgetreue Inszenierung. Mit einer wichtigen Ausnahme: Mrs Treadwell und Mrs Piggot-Jones, zwei ältere Damen, die Jack, den 14th Earl of Gurney, gerne als Redner zur Eröffnung ihres Kirchenfests gewinnen möchten. Diese werden in herrlich-übertriebener Weise von zwei Männern gespielt, Forbes Masson und Paul Leonard, was zu noch mehr komischen Situationen führt.

Das Tolle an dem Stück ist, dass die originellen, durchgedrehten Ideen (fast) alle schon im Text vorliegen, inklusive Gesangs-, Tanz-, Einrad- und Flöteneinlagen (nein, man kann das Stück nicht als Musical bezeichnen). Vieles davon bewegt sich gefährlich nahe an der Grenze zum Lächerlichen, aber gerade das macht den besonderen Reiz – und den großen Spaß – für das Publikum aus!

Ein paar Stellen waren wohl für Briten noch etwas lustiger, z. B. bei der „Dem Bones‟-Gesangs- und Tanzeinlage. Mir war das Lied unbekannt, es geht allerdings auf ein Spiritual von James Weldon Johnson (1871–1938) zurück und hat offensichtlich eine Reihe von Interpretationen und Parodien nach sich gezogen. Hier die Version aus der Verfilmung von The Ruling Class mit Peter O’Toole:

Die Szene im Theaterstück hatte eine witzige Choreografie und hat frenetischen Szenenapplaus hervorgerufen! Was für ein Vergnügen, James singen zu hören und tanzen zu sehen!

Ein weiteres Zuckerl war eine Anspielung auf Sherlock Holmes, die sich Barnes schon in den 60er Jahren einfallen ließ. Dass diese auch bei den jüngeren (weiblichen) Fans im Publikum auf fruchtbaren Boden fiel, liegt sicher nicht daran, dass diese alle so belesen sind, sondern natürlich an der Sherlock Holmes- „Renaissance‟ durch die BBC-Serie mit Benedict Cumberbatch.

Besonders fasziniert am Bühnenbild haben mich die Blumen, die durch klitzekleine Löcher am Boden „herausgewachsen‟ sind. Dass sie beim Versenken wieder durch die Löcher passen (, wenn die Blüten nach oben „geklappt‟ werden), geht mir ja ein, aber wie das umgekehrt funktionierte, ist mir ein Rätsel. Musik, Sound- und Lichteffekte, Nebel – alles hat sich sehr harmonisch ergänzt. Ganz ohne Blut kommt auch dieses Stück nicht aus, aber diesmal blieben die Zuschauer verschont (im Gegensatz zu Richard III).

Ich habe das Stück an zwei Tagen hintereinander gesehen, einmal in der Abendvorstellung, einmal in der sog. Matinee (14:30), und somit das Stück auch aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln gesehen. Am 18.2. saßen schauwerte und ich ziemlich mittig in der dritten Reihe: perfekte Sicht, ganz nah am Geschehen – und an James -, das Geld wirklich Wert. Am 19.2. hatte ich zwar einen Platz eine Reihe weiter vorne, saß aber relativ weit außen links. Zum Teil waren dadurch manche Schauspieler verdeckt, dafür sah ich James bei einer Szene, in der er von der Mitte aus nur im Profil zu sehen war, jetzt von vorne. Trotzdem waren die Sitzplätze in der Mitte schon besser (und deswegen auch teurer).

Die Schauspieler
(ab hier sind Spoiler zu erwarten)

JAMES McAVOY

Vom ersten Moment an, wenn er die Bühne betritt, ist ihm das Publikum verfallen! Die Reinkarnation Gottes zu sein, steht ihm wirklich gut zu Gesicht: Der strahlende Blick, der ganz weiche Tonfall, den ich so noch nie bei ihm gehört hatte, das sanfte Lächeln – doch dann auch Sexappeal, denn im Gegensatz zu „J. Christ Mark I‟ meint „GOD IS LOVE‟ (wie auf seinem nackten Oberkörper geschrieben) hier Seele UND Körper: „Sexual perversion is no sin!‟

Quelle: whatsonstage.com

Man merkt McAvoy einfach seine Spielfreude an – er war nie besser als hier! Schon nach wenigen Minuten, ach, Sekunden, dachte ich bei mir: „Oh, wie toll, dass ich das morgen nochmal sehen darf!‟ Wie gebannt hängt man an seinen Lippen und Augen, staunt und freut sich über seine Gesangs- und Tanzeinlagen, und wenn er in der Hochzeitsnacht in Unterhosen auf dem Einrad (!) über die Bühne radelt („It’s the only way to travel!‟), bleiben beim Fangirl keine Wünsche offen. Einzig James‘ feuchte Aussprache (Dazu wird schauwerte bestimmt mehr schreiben! Ich verrate den Beinamen, den er von ihr bekommen hat, hier nicht… 😉 ) könnte seiner Attraktivität etwas abträglich sein, aber für mich ist das letztlich nur ein weiterer Beweis für die enorme Energie, die er hier auf der Bühne zeigt.

Nun ist das Stück keine reine Comedy – die „Heilung‟ Jacks führt zu einem dunkleren, bedrohlicheren Jack, nicht mehr „God of Love but God Almighty. God the Law-Giver, Chastiser and Judge‟. Weg der sanfte Blick und der weiche Singsang seines Tonfalls – aus „J. C.‟ wird Jack the Ripper. Diesen Wandel stellt James absolut überzeugend und angsteinflößend dar. Aus dem wohligen Schauer wird ein kalter, der einem über den Rücken läuft… Gleichwohl hat er mir als J. C. mehr Spaß gemacht. Beeindruckend aber auch seine wutentbrannte „Rede‟, in der er völlig unverständliche Wörter von sich gibt – so ganz geheilt ist er eben doch nicht. Hier ein Auszug:

HRRRUUUR TRUGHUUK.
Ha-CH-U-UR-UR. URRR. GoooooaRCH. TROKK!

Ich kann mich den britischen Kritikern also nur anschließen: James ist „mesmerizing‟, „magnetic‟, „overwhelmingly appealing‟ – einfach umwerfend! Ich fühle mich so privilegiert, dass ich das erleben durfte, so kitschig das auch klingen mag. Nach der zweiten Aufführung musste ich glatt etwas mit Tränen kämpfen, weil es das letzte Mal war, dass ich James in dieser Rolle sehen durfte. (Die Reaktion meiner englischen Nachbarin bei dieser zweiten Aufführung war auch, „I need to see this again!‟) Hoffentlich kehrt er immer wieder auf die Bühne zurück, denn ich finde, er kann da noch mehr zeigen, was für ein begnadeter Schauspieler er ist. Mit dieser Leistung hat er sich endgültig auf Platz 1 meiner Lieblinge gespielt! STANDING OVATIONS!

Schauwerte hat sich getraut, beim "curtain call" zu fotografieren. Hier sieht man auch schön, wie nahe wir am Geschehen waren!
Schauwerte hat sich getraut, beim „curtain call“ zu fotografieren. Hier sieht man auch schön, wie nahe wir am Geschehen waren!

Der Rest der Besetzung

The Ruling Class_Cast

Auch die anderen Rollen waren wunderbar besetzt, besonders gefielen mir die beiden oben genannten (Masson und Leonard waren auch schon bei Richard III von der Partie), weil sie so viele verschiedene Rollen gespielt haben – und alle erfrischend unterschiedlich.

Das „comic timing‟ hat im Ensemble außerordentlich gut funktioniert. Außer Masson und Leonard kannte ich schon Elliot Levey (Dr. Herder) aus Coriolanus (mit Tom Hiddleston) – leider klang sein „Verdammt!‟ etwas zu sehr nach „Verdampt!‟ – und Joshua McGuire (der leicht nervige Dinsdale) aus der Serie The Hour und aus About Time. Anthony O’Donnell, der den sozialistischen Butler Tucker spielt, kam mir auch irgendwie bekannt vor, tatsächlich muss ich ihn wohl schon mindestens in Match Point und Skyfall gesehen haben. Was mir an Kathryn Drysdale (Grace) gefallen hat, war ihre wunderschöne Singstimme, die insbesondere im Epilog zum Tragen kam.

Von links nach rechts: McAvoy, Joshua McGuire, Serena Evans, Ron Cook, Paul Leonard, Forbes Masson, Kathryn Drysdale, Anthony O’Donnell, Elliot Levey

Was ihr in den nächsten Tagen (und Wochen) noch erwarten dürft:

  • Fangirl-Moment mit James (inkl. Foto!)
  • die witzigsten Zitate aus The Ruling Class
  • eine Kritik zu A View from the Bridge mit Mark Strong
  • Fangirl-Moment mit Mark Strong und Nicola Walker (inkl. Autogramme und Foto)
  • weitere Erlebnisse in London – mit schauwerte und ohne

 

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7 Gedanken zu “James McAvoy in „The Ruling Class“ (Trafalgar Transformed, Regie: Jamie Lloyd) #1: Review

  1. Wow, gleich zweimal gesehen. Na, kein Wunder wenn es dich so begeistert hat. Klingt auf jeden Fall nach einer tollen Fangirl-Woche und ich freue mich schon auf weitere Einträge… 🙂

  2. Hach ja… so gerne hätte ich das auch gesehen. Und ihr wart ja wirklich nah dran! Das ist immer toll. Bin gespannt auf die nächsten Einträge. 🙂

  3. Sodala, nachdem ich meine Review gepostet habe, konnte ich deine endlich lesen 😉 Ich stimme dir und deiner Sitznachbarin vollkommen zu, dass das ein Stück ist, das man öfter sehen möchte! Bin aber schon froh, dass es einmal geklappt und damit unseren Trafalgar Season 2 Hattrick vervollständigt hat. War auch mein Favourite unter den drei Stücken.
    Und das Verdampt hat mich auch geirked. Wo zum Geier liest man bei verdammt ein ‚p‘ raus?

    Wenn du den nächsten Trip nach London planst und einen Hoteltip brauchst, schick mir eine PM, ich hätte da was.

    1. Aaaah, muss ich doch gleich mal schaun gehen! 🙂 Gell, das „verdampt“ fiel schon auf… Ich hätte es Elliot Levey ja allzu gerne gesagt, dass da kein „p“ reingehört, aber leider ist er ganz schnell an den James-Fangirls vorbeigehuscht… 😉

      Danke für das Angebot mit dem Hoteltipp – ich komme auf jeden Fall auf dich zurück! 🙂

  4. An die „feuchte Aussprache“ kann ich mich auch noch gut erinnern, aber selbst wenn man was abbekommen hätte – ist ja James` Spucke, also fast schon heilig 😉 Bzw. gemäß seiner Rolle sowieso 🙂
    Und danke für die feine Rezension, da kommen viele Erinnerungen zurück! Ich saß hinterher im Zug und fühlte mich ganz komisch und leer, weil ich mein Idol ganz nahe gesehen hatte und es so schnell wieder vorbei war, also ein bisschen so wie bei dir.

    1. Na klar, James‘ Spucke hätte ich tagelang nicht abgewaschen! 😀 Die Spucke von J.C,, of all people! 😉

      Hach ja, kaum zu glauben, dass das schon wieder zwei Jahre her ist. Wird Zeit, dass der junge Mann sich mal wieder auf die Bühne schwingt! Freut mich, wenn meine Rezension wieder deine Erinnerungen geweckt hat!

      Bist du eigentlich öfters mal in London zum Theater – oder tust du das nur für James? 😉

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