CinemaLive/Digitaltheatre.com: The Crucible (Arthur Miller; aus The Old Vic; Regie Yaël Farber)

Quelle: richardarmitagecentral.co.uk

Arthur Millers Stück (auf Deutsch: Hexenjagd) um die Hexenprozesse in Salem, Massachusetts, Ende des 17. Jahrhunderts, ist vielen vielleicht durch den Film mit Daniel Day-Lewis und Winona Ryder bekannt. Miller hat das Stück in Anspielung auf den McCarthyism geschrieben. In den 50er Jahren wurde in den Vereinigten Staaten Kommunisten-Jagd betrieben, auch viele Künstler, Schriftsteller, Schauspieler landeten auf der sog. Hollywood Blacklist und mussten sich vor dem Committee on Un-American Activities verantworten (bzw. landeten auf der Blacklist, weil sie vor dem Komittee die Aussage verweigerten). Ähnlich wie in The Crucible eine Gruppe von Mädchen immer mehr Frauen (und Männer) aus Salem der Hexerei beschuldigen, gab es eben auch viele in den 50er Jahren, die andere des Kommunismus bezichtigten.

Trotzdem kann man die Geschichte auch einfach, wie mein Begleiter festgestellt hat, als Eifersuchts- und Rachedrama ansehen: Das ehemalige Hausmädchen von John Proctor, Abigail, wird nach der kurzen Affäre mit dem Hausherrn von Johns Frau Elizabeth rausgeworfen, John besinnt sich auf seine Pflichten als Ehemann und Vater und lässt von nun an die Finger von Abigail. Diese rächt sich durch ihre falschen Anschuldigungen der Hexerei. Allerdings, finde ich, geht es in dem Stück schon um etwas mehr. Denn zum einen beschuldigt Abigail ja nicht nur ihre Widersacherin, sondern Dutzende von Bewohnern, und zum anderen wird durchaus Kritik geübt an den Puritanern, ihrem strengem Glauben (man sah die Mädchen nachts im Wald tanzen – sie müssen mit dem Teufel im Bunde stehen!) und der Verfolgung von „Hexen‟ ohne wirkliche Beweise. Ich fand auch die Szenen mit am eindrucksvollsten, in denen der Wahnsinn, der von der Kirche ausging, gezeigt wurde, so z. B. wenn daran, ob jemand die 10 Gebote auswendig kann, festgemacht wird, ob jemand ein wahrer Christ ist. Über die genaue Handlung will ich hier aber gar nicht schreiben, denn ich denke, die ist entweder bekannt, oder leicht nachzulesen.

Digital Theatre vs. NT Live

Bevor ich etwas zu Inszenierung und Schauspieler sage, noch ein ein kleiner Exkurs zu der Aufnahme durch Digital Theatre. Wie ich im Nachhinein gelesen habe, wurde an drei verschiedenen Abenden das Theaterstück gefilmt, wodurch sich auch erklärt, wie z. B. die Überblendungen bei den „Umbaupausen‟ (dazu später mehr) zustande gekommen sind. Ich hatte mich schon gefragt, wie sie das bei EINER Live-Aufnahme hingekriegt haben sollen. Auch bei normalen Szenen hatte ich mich teilweise gewundert, wie sie das aus so vielen Perspektiven filmen konnten, ohne dass je eine Kamera zu sehen war. Nun hat Digital Theatre (DT) wohl ein anderes Anliegen als NT LIVE: Die Aufnahmen von DT kann man auch digital – hence the name – entweder leihen oder in SD oder HD kaufen, NT LIVE widersteht statt dessen standhaft dem Ruf, doch beispielsweise Frankenstein auch auf DVD herauszubringen.

Vielleicht erklärt sich so auch die unterschiedliche Vorgehensweise bei der Aufnahme. Wie der Name schon sagt, sind die Übertragungen von NT LIVE echte Live-Aufnahmen von einem Abend, eigentlich dafür gedacht, dass sie auch wirklich live an diesem Abend per Satellit in Kinos rund um den Globus übertragen werden. Ich habe u. a. King Lear, Frankenstein und Coriolanus auf diese Weise im Kino erlebt. Durch die große Nachfrage hat es sich ergeben, dass es davon inzwischen auch „Encore‟-Vorstellungen gibt, die also nicht live ÜBERTRAGEN werden, wohl aber live an einem Abend aufgezeichnet wurden.

Dieser Live-Effekt fällt nun also bei DT weg. Das mag auch seine Vorteile haben – technische Mängel, also etwa der Ausfall eines Mikrofons oder gar Probleme mit dem Satelliten (so erlebt bei King Lear, das extra wegen „uns‟ in den Kinosälen unterbrochen wurde, treten im fertigen Produkt nicht auf, man kann interessantere Kameraeinstellungen haben, und sogar Überblendungen -, aber mir hat dieses Live-Feeling schon deutlich gefehlt. Ich kam mir noch „bevormundeter‟ vor in der Bildauswahl, als es mit der normalen Aufnahme ohnehin schon der Fall ist.

Ich ziehe also die direkte Live-Aufnahme von NT LIVE vor, allerdings kann es durchaus sein, dass ich mir mal auf digitaltheatre.com das ein oder andere Stück ansehe. Es gibt dort z. B. Shakespeares Much Ado about Nothing mit David Tennant!

Nun aber zurück zu The Crucible:

Richard Armitage ist John Proctor

Quelle: theguardian.com

Die meisten werden Richard Armitage vor allem als Thorin kennen, sind vielleicht sogar erst durch die Hobbit-Verfilmungen auf ihn aufmerksam geworden. Eine Freundin aus Berlin hatte ihn aber schon vorher im Visier, nicht zuletzt wegen seiner ausdrucksstarken tiefen Stimme. Sie hatte mir z. B. die britische Miniserie North and South (nicht zu verwechseln mit der amerikanischen Bürgerkriegsserie Fackeln im Sturm, die im Original auch so heißt),  ans Herz gelegt, wodurch auch ich seinen „appeal‟ für mich entdeckte. Und so war es für mich sonnenklar, dass ich ihn auch mal im Theater erleben wollte. Und es hat sich gelohnt! Er zeigte eine enorme körperliche Präsenz und Stimmgewalt, konnte aber auch die feinsten Nuancen durch seine Mimik und (Körper-)Sprache rüberbringen. In der ersten Szene mit seiner Frau (Anna Madeley) z. B. geht er zunächst sehr vorsichtig und rücksichtsvoll mit ihr um, während man ihm aber gleichzeitig anmerkt, dass er ihre körperliche Nähe sucht und zunehmend frustriert ist, dass sie ihn aber nicht wirklich an sich ranlässt. Ich fand ihn gerade in dieser Szene sehr ausdrucksstark. Sehr beeindruckend fand ich auch seine aufsteigende Panik, als seine Frau und er von Reverend John Hale (Adrian Schiller) besucht werden, um festzustellen, ob sie auch wahre Christen sind. Natürlich vergisst er – ausgerechnet! – das Gebot „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau‟. Diese eher verhalteneren Szenen haben mich nachhaltiger berührt als die Szenen, in denen er laut wurde, und leider haben auch die letzten, eigentlich sehr emotionalen Szenen mich nicht zu Tränen gerührt.

Quelle: huffingtonpost.com; Proctor mit seiner Frau Elizabeth (Anna Madeley)

 

Aus dem Rest der Besetzung stachen für mich insbesondere Adrian Schiller als Reverend Hale, William Gaunt als Giles Corey und Anna Madeley als Elizabeth heraus. Natalie Gavin als Mary Warren, das Mädchen, das die Wende im Prozess gegen Proctors Frau und andere bringen soll, das sich aber aus Angst dann doch wieder den anderen Mädchen anschließt, hat auf jeden Fall auch eine große Leistung erbracht – sie ist im Grunde genommen während des ganzen Stückes in Tränen aufgelöst. Das ist sicher sehr anstrengend, aber mir war es dann fast etwas zu viel des Guten. Was meiner Begleitung nicht so gut gefallen hat, war, dass doch ziemlich viel geschrien wurde, was auch mir aufgefallen ist. Allerdings glaube ich an dieser Stelle, dass das u. U. im Theater vor Ort besser gewirkt hat als über die Leinwand. Ich finde allerdings, dass Richard Armitage von der Stimme her schon differenziert gespielt hat und eben nicht nur „geschrien‟ hat. Ich habe es auch insgesamt jetzt nicht als so störend empfunden wie meine Begleitung.

Quelle: operaismagic.wordpress.com Proctor kurz vor dem Ende mit Reverend Hale (Adrian Schiller)

Die Inszenierung

Quelle: huffingtonpost.com

Was man leider im Kino gar nicht so mitbekommen hat, ist, dass die Bühne rund war und ringsum das Publikum saß. Man sah zwar an einigen Stellen schon das Publikum, aber so richtig hat man nicht das Gefühl dafür bekommen. Insgesamt war die Rundbühne aber sehr geschickt eingesetzt. Die Schauspieler kamen auch z. Tl. durch die Gänge im Theater auf die Bühne (oder gingen dort ab), was mir sehr gut gefallen hat. Überhaupt war die Choreografie (von Imogen Knight) dieser Inszenierung hervorragend! Hier hätte ich mir gewünscht, etwa den kreativen Umgang mit den Umbaupausen nicht mit Überblendungen zu sehen, sondern das Ganze von weiter weg, so wie die Zuschauer vor Ort. Diese Umbauten wurden nämlich von den Schauspielern selbst vorgenommen, in einer genau einstudierten Bewegungsabfolge mit Musik und Lichteffekten. Teilweise sah es so aus, als würden entweder die Schauspieler so tun, als ob sie sich in Zeitlupe fortbewegen oder als würde dieser Effekt durch die Kameraaufnahmen erzeugt. Das hätte ich gerne unverfremdet gesehen, auch wenn die Bilder sicherlich sehr beeindruckend waren. Aber nicht nur diese Zwischenszenen waren sehr genau durchchoreografiert, auch die Auftritte der Mädchen bestachen durch synchrone Bewegungen (wenn beispielsweise alle gleichzeitig in die selbe Richtung den Kopf wenden) und perfektes Harmonieren untereinander. Hier blieb nichts dem Zufall überlassen, was künstlerisch hoch interessant war, aber auch den Zuschauer etwas „entrücken‟ (hier: sich emotional dem Geschehen entfernen) ließ, so war zumindest mein Empfinden.

Fazit: Trotz einer Länge von dreieinhalb Stunden reiner Spielzeit, habe ich mich zu keiner Sekunde gelangweilt und habe nie das Bedürfnis verspürt, auf die Uhr zu sehen. Dafür ist die Geschichte zu packend, sind die Dialoge zu erschütternd, dazu war das Geschehen auf der Bühne optisch zu gut dargestellt. Richard Armitage ist vielleicht noch besser auf der Bühne als in Film und Fernsehen. Trotzdem hat mich das Stück nicht allzu sehr berührt. Ich verspürte durchaus eine Faszination mit der Geschichte, auch eine Abscheu gegenüber den Vertretern der Kirche, die so bereitwillig den Mädchen geglaubt haben und die meiner Meinung nach noch größere Schuld auf sich geladen haben als die Mädchen unter Führung von Abigail, konnte den Zwiespalt Proctors (Gebe ich zu, dass ich mit dem Teufel im Bunde stehe (obwohl das nicht stimmt), um mein Leben zu retten? Oder bleibe ich bei meinen Unschuldsbeteuerungen und sterbe lieber, dafür aber wird der Name von mir und meiner Familie nicht beschmutzt?) nachempfinden. Aber es wollten sich keine Tränen einstellen, obwohl es einige hoch emotionale Szenen gab.

 

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11 Antworten zu CinemaLive/Digitaltheatre.com: The Crucible (Arthur Miller; aus The Old Vic; Regie Yaël Farber)

  1. bullion schreibt:

    Klingt spannend, besonders der Unterschied zwischen Live-Übertragung und Aufnahme. An das Stück kann ich mich nur dunkel erinnern, hatte ich vor inzwischen 15(!) Jahren (erschreckend!) im Englisch-LK gelesen. Armitage fand ich im Hobbit toll, ansonsten kenne ich ihn noch nicht.

    Achja, du wurdest beworfen: https://moviescape.wordpress.com/2015/02/11/top-10-soundtracks-original-scores/ 🙂

  2. An schreibt:

    Das klingt sehr interessant! Das würde ich auch gerne mal sehen. Und ich denke, dass mir das Live-Feeling auch fehlen würde, das ist schließlich auch eins der tollen Dinge am Theater, es genau so zu sehen, wie es eben jetzt gerade gespielt wird.

  3. Schlopsi schreibt:

    Tolle Review, auch wenn ich mit Arthur Miller wohl nicht mehr glücklich werde. („Death of a Salesman“-Trauma…).
    Danke für den Wink zu Much Ado about Nothing! Tate und Tennant sind ein tolles Gespann. Vielleicht sollte ich den Blick riskieren und DT auch mal ausprobieren. Kannte ich bisher nämlich noch gar nicht. Schöne Idee mit dem Vergleich.

    • singendelehrerin schreibt:

      Danke für dein Lob für mein Review! 🙂

      Ich kannte DT bis zu dieser Aufführung auch noch nicht – und ich dachte, David Tennant könnte doch einige hier interessieren. 😉

  4. Libertarian Anonymous schreibt:

    Wie heisst die Darstellerin auf dem letzten Bild ganz links? 😉

  5. butmadnorth schreibt:

    Die geschnittenen Umbaupausen haben mich genervt. Wir haben das Stück ja live gesehen und die Set-Changes wurden großteils vom Cast durchgeführt und haben durchaus zur Handlung beigetragen.

    • singendelehrerin schreibt:

      Ja, ich kann mir vorstellen, dass das live besser gewirkt hat. Deswegen ziehe ich ja auch NT Live vor!

      Aber vielleicht kannst du aufklären: hat sich der Cast extra langsam bewegt in diesen Umbaupausen, oder waren das auch Verfremdungen durch die Kamera?

      • butmadnorth schreibt:

        Das hat sich entwickelt. Die Umbauten haben quasi im Dunkeln stattgefunden und waren am Anfang noch flüssig choreografierte Tänze, wurden dann aber im Lauf des Stücks immer lauter und abgehackter. Da wurden Sessel und Tische zB angehoben und dann nochmal auf den Boden geknallt, bevor sie abtransportiert wurden. Insofern war das ein ziemlich wirksames Stilmittel, das bei der Digital Theatre Version weggefallen ist.

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