Die Freitagsfrage #9: NACHTRAG #2: Oder doch absolute Meinungsfreiheit – auch für Holocaust-Leugner?

Dieser Beitrag bildet eine Fortsetzung zur Freitagsfrage #9 und dem ersten Nachtrag dazu.

Im Interview mit der ZEIT (29. Januar 2015) plädiert der jüdische Zeichner und Illustrator Art Spiegelman, der lange für den New Yorker gearbeitet hat, für radikale Meinungsfreiheit: Selbst der Holocaust darf seiner Meinung nach geleugnet werden. Er hat sogar einmal an einem Karikaturenwettbewerb teilgenommen, bei dem der Holocaust geleugnet werden sollte (der Iran hatte 2006 nach den „Mohammed-Karikaturen“ dazu aufgerufen):

facebook.com/ArtSpiegelman

Im Interview sagt er:

Spiegelman:

[W]eil es so viele Beleidigungen gibt, immer, überall, die sich nicht unterdrücken lassen – warum nicht eine Kunstform daraus machen? Die Antwort auf etwas Dummes sollte immer etwas Kluges sein. Obwohl ich eigentlich kein Optimist bin, glaube ich, dass sich das Wahre am Ende durchsetzt, wenn man alle Ansichten zulässt.

ZEIT:

Aber würde das auch für so furchtbare Ansichten gelten wie die von Holocaust-Leugnern?

Spiegelman:

In dem Fall ist es natürlich sehr schmerzhaft. Mein Herz und mein Kopf schlagen da unterschiedliche Richtungen ein. In meinem Herzen denke ich: Fuck you, you bastard Nazi shit. Aber wenn man Holocaust-Leugnung unter Strafe stellt, verschwindet diese Haltung ja nicht. Es gibt immer noch die gleichen verrückten Faschisten, die nur darauf warten, endlich sagen zu dürfen: Damals wurden nur acht Leute umgebracht, und die Öfen waren zum Brotbacken!

ZEIT:

Zum Glück ist ihnen das verboten.

Spiegelman:

Das Problem ist, dass Verbieten nicht unbedingt hilft. Die Meinungen wandern dann nur ab in den Untergrund und finden andere Ausdrucksformen.

Hat Spiegelman Recht? Sollte z. B. in Deutschland das Verbot der Holocaust-Leugnung aufgehoben werden, um der absoluten Meinungsfreiheit willen?

Ich weiß, eine äußerst schwierige Frage, auf die ich auch momentan selbst keine Antwort weiß.

Ich möchte die Frage noch etwas ausweiten: Bezüglich Mein Kampf besteht ja nun das Problem, dass das Urheberrecht heuer ausläuft. Wie damit umgehen? Da ich im Rahmen meines Geschichtsstudiums das Buch und auch Hitlers Zweites Buch, in dem er seine außenpolitischen Vorstellungen darlegt, gelesen habe (das ist erlaubt, möchte ich zur Sicherheit erwähnen), denke ich, dass eine kritische Auseinandersetzung mit dem Buch, z. B. auch an der Schule, eigentlich kein Problem wäre. Meines Erachtens würde es den Schülern nicht schaden, auch mal ein Original herumzeigen zu dürfen. Warum soll das dazu führen, dass die Schüler zu nationalsozialistischem Gedankengut „verführt“ werden? Sicherlich würde ich es nicht gerade als Gesamtlektüre an alle Schüler verteilen – es müsste schon ein wissenschaftlicher Umgang damit gepflegt werden. Für mich ist in dem Fall die Kernfrage: soll ein Verlag mit diesem Buch Geld machen dürfen? DAS wiederum fände ich moralisch schwierig. Da müsste man die Erlöse aus dem Verkauf beispielsweise der Geschichtsforschung oder Gedenkstätten, Museen etc. zu Gute kommen lassen.

Was meint ihr: Meinungsfreiheit auch bei Holocaust-Leugnung und Nazischriften?

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Die Freitagsfrage abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Die Freitagsfrage #9: NACHTRAG #2: Oder doch absolute Meinungsfreiheit – auch für Holocaust-Leugner?

  1. pimalrquadrat schreibt:

    Das ist schwer. Einerseits bin ich ja absolut für Meinungsfreiheit (s. die Karrikaturen), andererseits, joa, Holocaust leugnen, brauner Dreck oder irgendwelche sonstigen menschenfeindlichen Ideologien, das muss jetzt nicht sein.
    Das Problem, dass auch Spiegelmann sieht, ist eben, dass man durch diese „Verbote“ nur ein Symptom (das Aussprechen) bekämpft, nicht aber die dahinterstehende Denke. Weswegen auch der ganze Terz um den Negerkönig aus Pippi Langstrumpf unnötig ist, denn nicht daruch wird man zum Fschisten/Rassiten/Sonstigen Problem für die Gesellschaft…
    Ne richtige Lösung seh ich da auch gar nicht, weil man das eben an der Wurzel packen müsste. Sprich, gescheite Bildung für alle, kostenlos und unabhängig von Herkunft und Einkunft.

    • singendelehrerin schreibt:

      Ah, schön, dass du Pippi Langstrumpf ansprichst! Das ist ja aus meiner Sicht völliger Schwachsinn, was da veranstaltet wird. Als ob ein Kind dadurch, dass er das Wort „Neger“ (oder bei „Huckleberry Finn“ sogar „Nigger“) liest, zum Rassisten wird… Da spielen doch ganz andere Faktoren eine Rolle. Klar ist der Begriff heute als abwertend anzusehen, aber doch nicht in „Pippi Langstrumpf“ oder „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“.

      Trotzdem geht es mir wie dir, dass ich auch meine Probleme damit hätte, wenn jetzt z. B. jeder eine Hakenkreuzfahne im Vorgarten hissen dürfte…

      • pimalrquadrat schreibt:

        Ja, da bin ich voll bei dir. Es macht einen Riesenunterschied, ob wir das heute benutzen, oder ob das eben im Kontext von Pippi auftaucht.
        Und Huckleberry Finn, da wundert es mich, weil Twain ja alles andere tut als Sklaverei und Diskriminierung zu verherrlichen (wobei du dich da vermutlich besser auskennst als ich), hier also das zu zensieren, das zerstört doch auch eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Bedeutungsebene des Werkes an sich!

        Zum letzten Absatz: Absolute Zustimmung.

      • singendelehrerin schreibt:

        Zu Mark Twain: 2011 ist eben eine neue Fassung in den USA herausgekommen, die das Wort „nigger“ durch „slave“ ersetzt hat: http://www.newsouthbooks.com/pages/2011/01/04/a-word-about-the-newsouth-edition-of-mark-twains-tom-sawyer-and-huckleberry-finn/
        Die Begründung war offensichtlich, dass so vermieden wird, dass das Buch aus den Lehrplänen fliegt, bzw. wieder aufgenommen wird.

        • pimalrquadrat schreibt:

          Was eigentlich eine Schande ist, so ein wichtiges Buch ausm Lehrplan zu streichen und sich somit potentiell um die Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit zu drücken. Dann ist „slave“ immer noch besser als nichts.

  2. Libertarian Anonymous schreibt:

    Prinzipiell sollte die Meinungsfreiheit auch hier gelten.

    Es gibt allerdings einen guten Grund, in diesem Fall eine Ausnahme zu machen: Die Überlebenden des Holocausts und die Angehörigen der Opfer, die durch den deutschen Staat (genaugenommen den Rechtsvorgänger des jetzigen deutschen Staats) schon dermassen geschädigt wurden, würden durch eine Legalisierung der Holocaustleugnung vor den Kopf gestossen.

    Man muss auch sehen, dass die Legalisierung des zur Zeit illegalen Tatbestands nicht auf das Gleiche hinausläuft, als hätte diese Illegalität nie bestanden. Eine Legalisierung hätte vielfältige Signalwirkung; einerseits natürlich mit positiven Aspekten (mehr Meinungsfreiheit), andererseits aber auch mit negativen wie dem Vor-den-Kopf-stossen der Betroffenen und der Ermutigung potentieller Leugner.

    Bevor man deshalb über die Legalisierung der Holocaustleugnung diskutiert, gäbe es weitere Bereiche, in denen die Meinungsfreiheit heute eingeschränkt wird und die weniger brisant sind. Man täte gut daran, dort anzufangen; wenn man mit all diesen Bereichen durch ist, kann man sich dem Tatbestand der Holocaustleugnung vielleicht widmen und dann hätte dies auch weniger ein Geschmäckle, weil es dann Bestandteil eines gesamtheitlichen Liberalisierungs-Konzepts wäre.

    Beispiele dafür wären der beispielsweise §90a StGB, der ist „Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole“ unter Strafe stellt oder auch der „Blasphemieparagraph“, beides eigentlich Relikte aus der Zeit eines vormodernen Obrigkeitsstaats. Beides ist auch viel relevanter, da im Gegensatz zur Holocaustleugnung unter Umständen aktuelle Probleme berührend und aufgrund der Auslegbarkeit politisch instrumentalisierbar.

    • singendelehrerin schreibt:

      Da magst du Recht haben, dass man erst bei weniger brisanten Bereichen anfangen könnte bzw. sollte.

      Ich glaube ja, dass aus dem von dir genannten Punkt (Holocaust-Überlebende und Nachfahren von Holocaust-Opfern nicht vor den Kopf stoßen) eine Legalisierung der Holocaust-Leugnung kaum durchsetzbar wäre – zumindest noch nicht. Auch die Außenwirkung wäre u. U. fatal.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s