Jahresrückblick #6 + Ausblick 2015: Theater

Vielleicht etwas spät, aber ich wollte unbedingt noch einmal Revue passieren lassen, welche Theaterstücke (aus/in London und aus New York) ich mir letztes Jahr angesehen habe, insbesondere, weil ich drei davon nicht in einem eigenen Artikel besprochen habe. Und dann werde ich noch einen Blick in die nahe Zukunft werfen: auf welche Stücke (und Schauspieler auf der Bühne) freue ich ich in diesem Jahr?

Es begann mit der Übertragung, die mich schwören ließ, in Zukunft solche Stücke nicht mehr nur über Satellit zu sehen – insbesondere, wenn einer meiner erklärten Lieblinge auf der Bühne steht:

Coriolanus (Shakespeare; NT LIVE aus dem Donmar Warehouse)

Tom Hiddleston bewies in diesem weniger bekannten Drama von William Shakespeare, welche Präsenz er auf der Bühne hat. Wie elektrisiert folgte ich jeder seiner Bewegungen, hing an seinen Lippen und erlebte live (wenngleich über den Umweg des Satelliten), wie er alle möglichen Emotionen durchlebt (Stolz, Wut, Überheblichkeit…), bis er kurz vor Schluss von Tränen übermannt wird. Doch nicht nur er machte das Stück zu einem Erlebnis. Da waren die anderen Schauspieler, allen voran die exzellente Deborah Findlay als seine Mutter (Volumnia) und Mark Gatiss als Menenius, der einen Witz in das Stück brachte, der erneut meine von Stück zu Stück zunehmende Liebe zu Shakespeare entfachte. Auch die Inszenierung als solche gefiel mir gut. Die Bühne war sehr schlicht gehalten, Schauspieler, die gerade nicht in der Szene agierten, saßen am hinteren Rand der Bühne (die drei anderen Seiten waren offen zum Publikum hin) auf Stühlen oder standen dort. Nach diesem Abend habe ich mir erneut geschworen, so viele Übertragungen wie möglich im Cinema München anzusehen, und für ausgewählte Stücke sogar nach London zu reisen.

War Horse (NT LIVE Encore, basierend auf Michael Morpurgos Roman, adaptiert von Nick Stafford)

Im Grunde genommen hat mich die Geschichte von War Horse nicht so interessiert, da ich schon die Verfilmung von Steven Spielberg gesehen hatte, und diese, bis auf wenige Momente, nicht so umwerfend fand. Außerdem war ich skeptisch, weil dies ja ein Musical sein sollte. Aber ich war einfach gespannt, wie die lebensgroßen Pferde-Puppets der südafrikanischen Handspring Puppets Company auf der Bühne wirken würden. Und die haben mich wirklich umgehauen! Obwohl sich die Puppenspieler auf der Bühne nicht versteckt haben, also nicht komplett in schwarz gekleidet waren, sondern immer ein bisschen passend zum jeweiligen Pferd und im Grunde genommen wie ein Pferdebursche, hat man fast vergessen, dass es sich hier nicht um echte Pferde handelt. Fantastisch! Was die Tatsache anbelangt, dass das Ganze als Musical angepriesen wird, war ich auch angenehm überrascht, denn Musik und Gesang hatten nichts mit einem Musical von, sagen wir, Andrew Lloyd Webber gemein. Die Musik basierte auf Folksongs und wurde herrlich unprätentiös oft nur von einem „Songman‟ vorgetragen, begleitet manchmal nur durch eine Gitarre. Schauspielerisch (und inhaltlich) hat mich das Stück aber irgendwie nicht so begeistert wie viele andere Stücke, die ich bisher über NT Live gesehen habe. Trotzdem kann ich es allein schon wegen der „Puppen‟ empfehlen. Inzwischen gibt es ja in Berlin auch eine deutsche Version des Stückes, allerdings frage ich mich, wie dann z. B. die Stellen funktionieren sollen, als die Engländer auf die Deutschen im Krieg treffen. Da wurde nämlich in der West End-Version dann tatsächlich auch Deutsch (allerdings mehr schlecht als recht) gesprochen.

The Curious Incident of the Dog in the Night-Time (NT Live Encore; Buch von Mark Haddon, adaptiert von Simon Stephens)

Wie stellt man die Innenwelt eines Jugendlichen, der zwar ein mathematisches Genie ist, aber autistische Züge hat, auf der Bühne dar? Wie bringt man ein Buch auf die Bühne, das komplett aus Sicht dieses Jungen geschrieben ist, inklusive Zeichnungen, mathematischer Formeln und Rätsel? Nie hätte ich gedacht, dass dies überhaupt möglich ist, doch die Regisseurin Marianne Elliott hat es geschafft, in einer absolut innovativen Inszenierung, bei der ganz viel mit Beleuchtung, projizierten Bildern und Musik gearbeitet worden ist. Es ist eigentlich unbeschreiblich – ich empfehle dieses Stück jedem, der die Möglichkeit hat, entweder eine Encore-Vorstellung im Kino zu sehen oder das Stück live (jetzt auch am Broadway, aber auch immer noch in London) zu erleben!
Natürlich haben inzwischen die Schauspieler gewechselt – ich habe es in der Version von 2013 mit Luke Treadaway als Christopher und Nicola Walker als seine Mutter (u.a.) gesehen und war hinterher absolut euphorisch. Nicht ohne Grund hat das Stück 2013 sieben Olivier Awards erhalten, darunter die beiden oben genannten Schauspieler und die Trophäen für bestes Theaterstück und beste Regie.

Richard III (Trafalgar Studios, London, William Shakespeare)

So, das war also mein erstes Mal. LIVE vor Ort, nicht nur über Satellit, habe ich Martin Freeman als Richard III in der Inszenierung von Jamie Lloyd (in seiner Trafalgar Transformed-Reihe) erlebt. Ich habe ja bereits ausführlich darüber berichtet, von daher zitiere ich hier nur noch einmal mein Fazit: Eine spannende, fast-paced und action-packed Inszenierung, die aber etwas an emotionalem Tiefgang vermissen lässt. Im Gegensatz zu den Theaterstücken, die ich, wenn auch über Satellit, bisher von zwei anderen Lieblingsschauspielern gesehen habe (Benedict Cumberbatch in Frankenstein und Tom Hiddleston in Coriolanus), hatte ich nicht das Gefühl, mir dieses Stück immer und immer wieder ansehen zu müssen. Auch wenn ich die Inszenierung an sich schon interessant und bis ins letzte Detail durchdacht fand – ich habe ja bei weitem hier nicht alles besprochen, was mir noch gefallen hat, so etwa der Einsatz von Live-Video, oder die exzellente Kampf-Choreografie am Schluss -, hat sie mich nicht so stark in seinen Bann gezogen wie andere Theaterstücke oder auch wie andere Performances von Martin Freeman.

A Streetcar Named Desire (NT Live aus dem Young Vic, Tennessee Williams)

Gillian Anderson als Blanche DuBois und Ben Foster als Stanley – das wollte ich mir nicht entgehen lassen. Gillian verehre ich seit Akte X, Ben Foster war mir vor allem durch The Messenger ins Visier geraten. Beide haben durchaus überrascht durch ihre Performances, auch wenn mir Andersons überkandidelte Blanche mit ihrem Südstaaten-Drawl nicht wirklich nahe ging, sondern mich eher anstrengte. Immerhin dauerte das Stück (mit Pause) 3 1/4 Stunden! Foster dagegen hat mich wahrlich umgehauen mit seiner physischen Präsenz! Ihn als behaarten, muskelbepackten Bully zu bestaunen, hatte ich so nicht erwartet. Insgesamt eine sehr gute Inszenierung (mit einer nach allen Seiten offenen, sich drehenden Bühne), die mich aber nicht wirklich emotional berührte.

Frankenstein (basierend auf Mary Shelleys Roman, adaptiert von Nick Dear)

Mein sechstes und siebtes Mal! Und schon überlege ich, ob ich nicht nächsten Montag (26.1.) ein achtes Mal reingehen soll… 😉
Auch wenn Benedict Cumberbatch wohl heuer den Oscar (noch) nicht bekommt – den Olivier-Award hat er (zusammen mit Jonny Lee Miller) für diese Meisterleistung aus dem Jahr 2011 verdient zugesprochen bekommen. Phänomenal! Ich habe dieses Theaterstück schon häufiger im Kino gesehen als Herr der Ringe – Die Gefährten! Das sagt so einiges… Eine Besonderheit an diesem Stück: Miller und Cumberbatch haben jeden Abend die Rollen getauscht: Montag Miller das Creature, Dienstag Cumberbatch das Creature, usw.

Skylight (NT Live; David Hare)

 

Auch zu dieser hervorragenden Inszenierung mit Bill Nighy, Carey Mulligan und Matthew Beard habe ich schon sehr umfangreich meine Meinung kundgetan, deswegen auch hier nur mein Fazit (wer mehr darüber lesen will, kann das ja über den Link oben tun): Starkes Stück, das es nicht nur schafft, Beziehungen glaubhaft darzustellen, sondern das auch enorm gesellschaftskritisch ist. Die Inszenierung war so gut, dass Skylight im Frühjahr auch am Broadway in derselben Besetzung (!) gespielt wird.

Of Mice and Men (NT Live from Broadway (recorded), John Steinbeck)

Das erste Mal wurde ein Theaterstück vom Broadway übertragen, und zwar Anna D. Shapiros Inszenierung des Steinbeck-Klassikers mit James Franco und Chris O’Dowd in den Hauptrollen. Das erste, das mir aufgefallen ist: Chris O’Dowd ist ja ein richtiger Schrank! Wie natürlich im Buch beschrieben, ist der etwas „mentally challenged‟ (politisch korrekt formuliert) Lennie Small alles andere als „small‟. Wie ein Riese kommt er einem auf der Bühne vor! Nun ist er tatsächlich, laut Google, 1,91 m groß, aber ich glaube, er hatte auch noch Schuhe mit besonders hohen Sohlen an, sodass er wirklich eine einschüchternde physische Präsenz auf die Bühne brachte. Aber auch schauspielerisch überzeugte er auf ganzer Linie. Ich mag ihn ja schon länger, aber mit dieser Darstellung des „sanften Riesen‟, der leider seine Kraft nicht ganz einschätzen kann, wodurch es zu diesem furchtbar tragischen Ende kommt, hat er sich endgültig in mein Herz gespielt.

James Franco macht seine Sache als George Milton, dem„Beschützer‟ Lennies, auch sehr gut. Überhaupt ist die gesamte Besetzung hervorragend, unter anderem war – für alle True Blood-Fans ein Zuckerl, wenn auch nicht auf den ersten Blick zu erkennen – Jim Parrack als Slim mit von der Partie. Sehr überzeugend fand ich auch Jim Norton als den alten Candy.

Das Bühnenbild versetzte einen direkt auf eine Farm zur Zeit der Great Depression (1930er Jahre), Möbel, Beleuchtung, Requisiten, Kleidung – alles wirkte sehr authentisch.

Was mich aber vielleicht am meisten beeindruckt hat, war, wie emotional das Ende war, und zwar anscheinend nicht nur für uns Zuschauer, sondern auch für die Darsteller. Beim Schlussapplaus hatten sowohl Chris O’Dowd, als auch James Franco, sowie Leighton Meester (Curleys Frau) Tränen in den Augen.

Und was kommt 2015?

Mindestens folgende Stücke:

  • The Crucible (OldVicRec, im Cinema München am 3.2.) mit Richard „Thorin‟ Armitage

  • The Ruling Class (Trafalgar Studios, in London am 18.2.+19.2.) mit James McAvoy ❤

  • A View from the Bridge (Wyndham’s Theatre, in London am 20.2.) mit Mark Strong und Nicola Walker

  • Man and Superman (NTRec, im Cinema München am 1.6.) mit Ralph Fiennes

  • Hamlet (The Barbican Theatre, in London am 31.10.) mit Benedict Cumberbatch ❤

 

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9 Antworten zu Jahresrückblick #6 + Ausblick 2015: Theater

  1. zirkusmanege schreibt:

    Bei unserem „Theaterbesuch“ von „of Mice and Men“ war auch beeindruckt von dem Setting, das sehr naturalistisch war. Keine schrägen Regie-Einfälle: Die Inszenierung kommt ohne Blut- und Spermaorgien aus, ohne plötzlich auftretende Chöre und ohne großartige Metaphern. Ich empfand das als sehr erfrischend, mal nicht mit Metaebenen erschlagen zu werden – wie es zumindest im schuldbeladenen deutschen Theater mit Hochkulturattitüde vorherrscht. Die Geschichte und die Figuren standen im Vordergrund des Geschehens – einfach toll.

  2. bullion schreibt:

    Faszinierend! Ich schaffe es irgendwie nur noch ins Kinder- oder Puppentheater. Vor ein paar Monaten hatte ich „Die 39 Stufen“ in den Kammerspielen Nürnberg gesehen und das war auch sehr unterhaltsam, wenn auch ohne großen Star… 😉

  3. KirstenSE schreibt:

    Am 31.10. bin ich auch im Barbican 🙂

  4. KirstenSE schreibt:

    The Ruling Class habe ich in diesem Jahr auch schon gesehen, es wird aber noch ein zweites Mal nächsten Monat geben. A View From the Bridge war eines meiner Theaterhighlights des letzten Jahres, konnte es im Young Vic in der ersten Reihe genießen. Ich werde mir auch auf jeden Fall das NT-Live Screening nächste Woche in meinem Stammkino anschauen.
    Die anderen Sachen habe ich auch alles gesehen, meistens live vor Ort. Besonders freue ich mich auch auf Man und Superman im Mai vor Ort. Ich habe gerade meinen ersten Blog Post veröffentlicht. Mit Rück- und Vorschau auf mein 1. Theater Quartal 2015. Hoffentlich bleibe ich da jetzt mal dran und werde auch zum Blogger.

    • singendelehrerin schreibt:

      Ich finde das toll, immer mehr Fans des englischen Theaters zu finden! Wie ist denn die Adresse deines Blogs? 🙂

      Du machst mich ja ganz schön neidisch, dass du nochmal „The Ruling Class“ sehen darfst! Gut, ich hab’s ja auch zweimal gesehen, aber ich könnte es mir quasi täglich reinziehen… Viel Spaß!!! Lebst du in London, dass du fast alles live vor Ort anschauen kannst?

      Ein guter Theater-Blog ist übrigens http://butmadnorth.com/ (auf Englisch von einer Österreicherin).

      • KirstenSE schreibt:

        kirstenstheaterblog.wordpress.com/ Ich habe erst gerade angefangen. Eine Version auf English is auch geplant. Nein, ich lebe in Frankfurt, bin aber mehrmals im Jahr drüben. Ja der Blog ist gut, folge ich bereits.

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