Die Freitagsfrage #9: Meinungsfreiheit vs. guter Geschmack: Soll es Grenzen geben?

Nach einer längeren Pause der Freitagsfrage melde ich mich im neuen Jahr mit einer brisanten Frage zurück, die allerdings natürlich nicht nur hier, sondern weltweit diskutiert wird. Gleichwohl würde mich eure Meinung interessieren.

Vorneweg: Ich bin für Meinungsfreiheit! Ich war schockiert, als sich Sony entschloss, aufgrund der Drohungen von terroristischen Anschlägen auf Kinos, The Interview (zunächst) nicht auf diesem Wege zu veröffentlichen. Als dann in Paris sozusagen das passierte, womit die Sony-Hacker gedroht hatten – wenn auch hier ein anderes Medium betroffen war und hier die Macher (von Charlie Hebdo), nicht die Konsumenten, kaltblütig ermordet wurden -, war ich entsetzt, vom Mut und Zusammenhalt der Millionen, die danach auf die Straßen gingen, um Solidarität zu zeigen (Pegida ausgenommen!!!) und für Meinungsfreiheit zu demonstrieren, beeindruckt.

Ich bin also ganz und gar dafür, sich von Terrordrohungen und Terroranschlägen nicht in seiner Meinungsfreiheit einschränken zu lassen.

Und doch drängen sich mir Fragen auf.

Zum Beispiel zu The Interview: Muss man eine Komödie drehen, in der ein noch lebendes, real existierendes Staatsoberhaupt – auch wenn es ein Diktator ist – ermordet wird? Viele zitieren ja sofort an dieser Stelle The Great Dictator von und mit Charlie Chaplin. Natürlich war jedem sonnenklar, dass Hitler gemeint war, aber immerhin hat man dem Protagonisten einen anderen Namen und ein fiktives Land, über das er herrschte, gegeben. In The Interview aber spielt Randall Park den „echten‟ Kim Jong-Un, und der kommt tatsächlich am Ende um. Politische Satire schön und gut, aber ich glaube, ich fände es auch geschmacklos – und gar nicht lustig -, wenn z. B. meine Schüler eine Komödie über meine Ermordung drehen und bei der Abifeier zeigen würden… Wie gesagt, ich war dagegen, dass Sony aufgrund der Terrordrohungen nachgab, trotzdem stelle ich mir eben die Frage, ob man einen solchen Film drehen muss, ob es nicht Grenzen des guten Geschmacks geben sollte. Bitte: nicht auferlegt von außen, aber Grenzen, die man sich selbst auferlegt! Ist das dann Selbstzensur?

In Bezug auf politische Karikaturen denke ich etwas anders. Ich arbeite ja im Unterricht wirklich viel mit Karikaturen, sowohl im Englisch- als auch im Geschichtsunterricht, und finde, man kann da einfach sehr viel rausholen. Gleichwohl gibt es in den USA z. B. große Zeitungen, die keinerlei Karikaturen veröffentlichen, die religiöse Gruppen kritisieren (u.a. die New York Times, die auch das neueste Cover von Charlie Hebdo nicht in ihrer Zeitung abgedruckt hat, auch nicht online, so zumindest The Guardian), und auch an amerikanischen Universitäten sind solche Karikaturen verpönt, haftet ihnen doch sehr schnell der Vorwurf von „hate speech‟ an (siehe dieser NY TIMES Artikel). Normalerweise ist da meine Reaktion: Wer sich durch eine Karikatur beleidigt fühlt, soll sie halt nicht ansehen. Und überhaupt: Seht doch alles nicht immer so bierernst! Trotzdem weiß ich auch, dass sich diese Einstellung ganz schnell ändern kann, wenn man selbst emotional mehr involviert ist. Da kann man dann plötzlich nicht mehr darüber lachen…

Also: Meinungsfreiheit um jeden Preis? Oder selbstauferlegte Grenzen des „guten Geschmacks‟ oder auch des Respekts gegenüber (allen!) religiösen Gruppen?

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4 Antworten zu Die Freitagsfrage #9: Meinungsfreiheit vs. guter Geschmack: Soll es Grenzen geben?

  1. Libertarian Anonymous schreibt:

    Sieht so aus, als interessiere die Meinungsfreiheit niemanden mehr…

  2. phyXius schreibt:

    Ist halt ein schwerer Brocken, das Thema. 🙂

    Selbstzensur ist das Berufen auf seine eigengesetzte Grenze nicht. Zensur wird immer nur durch äußere Einflüsse ausgeübt. Direkte Zensur durch gerechtfertige Informationskontrolle aufgrund allgemeingültigem Gesetz oder Regel (das zu sagen ist verboten), Selbstzensur durch nichtgerechtfertigtem Druck (das zu sagen ist zwar objektiv erlaubt, aber es passiert dir trotzdem was, wenn du es sagst). Meinungsfreiheit bedeutet alleine, dass man etwas sagen darf, nicht, dass man es sagen muss. Also: Nein, man muss niemanden in einem Film töten. Aber man darf (jedenfalls anscheinend in den USA und in diesem Kontext [ich habe keine Ahnung, um was es in „The Interview“ inhaltlich genau geht, ob das eine reine Komödie ist oder ob politische Kritik geübt wird]).

    • singendelehrerin schreibt:

      Puh, den Kommentar habe ich jetzt aber mehr als einmal lesen müssen… 😉

      Mit ist schon klar, dass man so einen Film wie „The Interview“ drehen DARF, die Frage nach dem „Muss“ in meinem Text bezieht sich eher darauf, ob man nicht manche Dinge einfach lassen sollte, und zwar nicht weil einem dann etwas passieren könnte, sondern aus der eigenen Überzeugung heraus, dass es gewisse Grenzen der freien Meinungsäußerung gibt. Siehe vielleicht auch Etikette im Internet – in manchen Foren werden ja auch beleidigende Kommentare entfernt.

      Danke fürs Einleiten der Diskussion! 🙂

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