St. Vincent (Theodore Melfi, USA 2014)

Quelle: philadelphia.cbslocal.com

Die erste Sneak Preview des Jahres 2015 brachte uns St. Vincent, eine warmherzige Komödie, in der es ordentlich menschelt, auch wenn Vincent (Bill Murray) eher misanthropisch angehaucht ist; bei seinen ersten Auftritten im Film hakt man sozusagen die Kästchen für den typischen missgelaunten Einsiedler ab: dem Alkohol nicht abgeneigt – check, einer (schwangeren russischen) Prostituierten (Naomie Watts) zugeneigt – check, unhöflich den neuen Nachbarn, Maggie (Melissa McCarthy) und ihrem Sohn Oliver (Jaeden Lieberher in seiner ersten Rolle) gegenüber – check. Aber dann springt er zwangsweise (er braucht dringend Geld, weil er auch noch spielt) als „Babysitter‟ für den 12-jährigen Oliver ein, nachdem diesem gleich am ersten Tag in der neuen (katholischen) Schule nach dem Sportunterricht Klamotten, Handy, Geldbeutel und Schlüssel geklaut wurden – und „es entwickelt sich eine wunderbare Freundschaft‟.

Klingt ziemlich nach Klischee – und im Grunde hat man Storys um solche Typen schon hundertfach gesehen, von Kowalski (Clint Eastwood) in Gran Torino bis zu Gru in Despicable Me -, aber die wunderbaren Darsteller, allen voran natürlich Bill Murray, geben der Geschichte soviel Charme, dass man einfach positiv gestimmt den Kinosaal verlässt. Da ist der Newcomer Jaeden Lieberher, der die Rolle des kleinen Oliver ganz reizend verkörpert; ich finde es immer wieder erstaunlich, welche Talente die Casting-Agenturen für Kinderrollen auftun. Da ist Chris O’Dowd als Brother Geraghty, Olivers Religionslehrer, der zwar kein Problem mit anderen Religionen hat, aber sagt: „I am Catholic, which is the best religion of all.‟ – Eine herrliche Rolle für ihn, und er darf sogar Ire sein! Da ist Melissa McCarthy, die endlich mal eine „normale‟ Rolle spielen darf, in der sie viele verschiedene Facetten zeigen darf – bitte gebt ihr mehr solche Rollen, nicht nur die der „dicken Ulknudel‟, wie in so vielen Komödien. Natürlich hat sie komödiantisches Talent, und sie zeigt dies auch in diesem Film, aber sie kann auch dramatische Rollen spielen. Und dann ist da Naomie Watts, die mit ihrer Darstellung der Daka bei mir einen weiteren Stein im Brett gewonnen hat. Mein Begleiter zur Rechten hat sich zu Beginn des Films zu mir gedreht und ungläubig gefragt: „Ist das Naomie Watts?!?‟ Ja, sie ist kaum wiederzuerkennen als russisch-stämmige, schwangere Prostituierte und „exotic dancer‟ (schon mal eine Schwangere an der Stange tanzen gesehen?), so überzeugend kommt ihr Akzent rüber und so verlebt – aber gleichzeitig immer noch sehr gut – sieht sie aus. Gleichzeitig ist sie sehr erfrischend, weil sie kein Blatt vor den Mund nimmt und weiß, wie sie mit Vincent umzugehen hat, mit dem sie letztendlich mehr als eine „Geschäftsbeziehung‟ verbindet.

Und Bill Murray? Er tut das, was er am besten kann – es ist der perfekte Film für ihn, um sowohl sein komödiantisches Genie als auch sein dramatisches Können zu zeigen. Ich habe mit und über ihn gelacht und mit ihm geweint, was will man mehr? So ist auch seine Golden Globe-Nominierung (Best Actor in a Motion Picture, Musical or Comedy) nicht verwunderlich.

Ein paar dramaturgische Schwächen hat der Film, so wird z. B. der Vater von Oliver zunächst (in Abwesenheit) als sehr negativ gezeichnet (er klagt auf das Sorgerecht für Oliver), am Ende des Films sitzt er aber einhellig neben Maggie bei einer Veranstaltung in der Schule, ohne dass man irgendwie erfahren hätte, woher dieser Gesinnungswandel käme.

Trotzdem ist St. Vincent einer dieser Filme, die dir ein Lächeln aufs Gesicht zaubern, nachdem du dir die Tränen abgewischt hast. Deswegen hat der Film wohl den Truly Moving Picture Award bekommen und ist außerdem auch für einen Golden Globe als beste Komödie nominiert.

7,5 von 10 Punkten.

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