Die Freitagsfrage #5: Warum ist Gewalt eine grundlegende Zutat vieler qualitativ hochwertiger Serien?

Aus gegebenem Anlass – ich verschlinge gerade The Walking Dead – stellt sich mir einmal wieder die Frage: warum sind so viele von den Kritikern hoch gelobten und den Fans heiß geliebten Serien so bluttriefend brutal? Game of Thrones, The Walking Dead, Hannibal… Da wird gefoltert, da werden die Eingeweide herausgerissen, da wird getötet – und wir sehen uns das mit Vergnügen beim Abendessen oder zu einer Tasse Tee an. Ja, gut, wir sind schon auch mal schockiert, wenden uns bei allzu krassen Szenen ab (ich zumindest tue das bei The Walking Dead hin und wieder), und doch wollen wir die ungeschnittene Version und sind empört, wenn diese Szenen für den deutschen Fernsehzuschauer herausgeschnitten werden.

Warum?

Nun, in meiner Kurzkritik zu The Walking Dead schreibe ich, dass mich die moralische Dimension des Zombie-Szenarios interessiert – brauche ich dazu wirklich die schockierenden Bilder? Muss ich sehen, wie entweder die Zombies sich über die Menschen hermachen und diese förmlich in Stücke reißen, oder die Menschen auf die Zombies einhacken, eintreten, und das Blut nur so spritzt?

Oder müssen wir bei Game of Thrones, das für mich eine Mischung aus Fantasy und Mittelalter-Szenario ist, unbedingt sehen, wie Köpfe (von Menschen und Pferden) abgeschlagen werden, damit wir mit den Figuren mitfiebern?

Nun, im Fall von GoT hatte ich in Staffel 2 tatsächlich entschieden: Nein, ich muss das nicht sehen, und ich will es auch nicht mehr. Aber dann schaue ich mir TWD an und habe Hannibal hier auch noch zur Sichtung liegen…

Warum sehen wir uns mit Vorliebe solche Serien (und Filme) an – gerade in einer Zeit, in der es genügend brutale Gewalt im real life gibt? Der IS enthauptet Journalisten – wir sind empört und sehen uns, zum Abschalten, fiktive Enthauptungen an…

Warum?

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13 Antworten zu Die Freitagsfrage #5: Warum ist Gewalt eine grundlegende Zutat vieler qualitativ hochwertiger Serien?

  1. bullion schreibt:

    Auch wenn ich Gewalt im realen Leben komplett ablehne, so muss ich doch zugeben, dass ich ganz gerne Filme bzw. Serien sehe, die gewisse Gewaltspitzen besitzen. Allerdings differenziere ich da auch; so macht mir übertrieben comichafte Gewalt bzw. Gewalt in phantastischen Settings (und dazu zähle ich TWD und GoT) weniger aus. Mit realistischer Gewalt in z.B. Kriegsfilmen o.ä. habe ich durchaus Probleme.

    Ebenso mag ich Funsplatter à la „Braindead“, kann aber ernsthaft gemeintem Turture Porn à la „Saw 2-X“ nichts abgewinnen.

    Warum? Gute Frage — vielleicht ein Ventil, ein wenig Brot und Spiele oder oder oder.

    Eine spannende Fragestellung auf jeden Fall — toll! 🙂

    • singendelehrerin schreibt:

      OK, da geht es mir wohl ganz ähnlich wie dir. Interessant, dass du explizit „Saw“ ab Teil 2 nennst. Ich habe nämlich den ersten Teil auch noch gesehen (und für gut befunden). Alles, was danach kam, war mir auch zu heftig. Dann doch lieber übertriebene, künstlerisch in Szene gesetzte Gewalt, wie bei „Kill Bill“ & Co.

      Man könnte die Frage natürlich noch weiterführen und diejenigen ansprechen, die diese Gewalt nicht nur passiv konsumieren, sondern auch die entsprechenden „Ballerspiele“ auf dem PC etc. spielen. Aber da habe ich persönlich keine eigene Erfahrung.

      • bullion schreibt:

        Ich habe früher auch durchaus „Ballerspiele“ am PC gespielt, die vom Gewaltlevel als grenzwertig angesehen wurden — allerdings war das vor über 10 Jahren und aus heutiger Sicht kann die Grafik allerhöchstens als abstrakt bezeichnet werden… 😉

        Das hatte den gleichen Effekt wie Funsplatter und ist nicht mit realistischer Gewalt gleichzusetzen. Die ganze Diskussion, dass Gewalt in Filmen und Spielen zu realer Gewalt führt ist ohnehin schwachsinnig…

  2. mwj schreibt:

    Ich denke, dass Gewalt in den genannten Serien deswegen eine so große Rolle spielt, weil diese in einem düsteren und abgründigen Szenario spielen. Ich lehne Gewalt natürlich auch ab. Aber es ist immer noch besser, die Gewalt realistisch und authentisch darzustellen als sie zu verharmlosen. Vor fünfzehn Jahren hätte ich mir meine Lieblingsserie „Game Of Thrones“ kaum ansehen können, weil ich an sich recht zart besaitet bin. Ich kann mir z.B. keine härteren Horrorfilme ansehen. Aber bei GoT stimmt für mich das Gesamtpaket und daher kann ich die Gewaltdarstellung halbwegs verkraften.

    • singendelehrerin schreibt:

      „Aber es ist immer noch besser, die Gewalt realistisch und authentisch darzustellen als sie zu verharmlosen.“

      Dem stimme ich zu! Wobei dabei die Frage ist, wann kann man von Verharmlosung sprechen?

  3. hemator schreibt:

    „und doch wollen wir die ungeschnittene Version und sind empört, wenn diese Szenen für den deutschen Fernsehzuschauer herausgeschnitten werden.

    Warum?“

    Ich denke, diese Empörung hat weniger mit der Darstellung von Gewalt an sich zu tun, sondern viel mehr damit, dass wir uns durch geschnittene Versionen von Serien, Filmen oder Spielen bevormundet fühlen. Egal, wie man zu Gewalt in den Medien steht, die meisten wollen doch selbst aussuchen, was sie vertragen und was nicht. Wenn wir uns dafür entscheiden, etwas anzuschauen, dann aber auch so, wie es von den Machern intendiert wurde.
    Ansonsten kann Gewalt natürlich mehrere Zwecke haben: Schaffung von Atmosphäre, Schockwirkung, aber auch wichtige Handlungsaussage – und gerade im Fall von Letzterer sollte auf keinen Fall gekürzt werden.
    Nehmen wir zum Beispiel GoT. In der zweiten Staffel beschließt Theon Greyjoy, Ser Roderick Cassel, den Castellan von Winterfell, der ihn beleidigt hat, zu köpfen, um den Einwohnern zu zeigen, dass er es ernst meint (aber gleichzeitig auch ihre Bräuche respektiert, deshalb muss er es selbst tun) und um nicht das Gesicht vor seinen eigenen Männern zu verlieren. Die Köpfung ist sehr unschön und blutig, Theon braucht mehrere Schläge. Dies passiert aber nicht wegen des Schockeffekts, sondern schafft eine Parallele zur ersten Folge der ersten Staffel und dient der Charakterisierung Theons, um ihn gezielt von Ned Stark abzusetzen, der seine Verurteilten immer mit einem Schlag köpft. In der geschnittenen Fernsehfassung dieser Szene schlägt Theon Ser Roderick allerdings mit einem Schlag den Kopf ab, und die gesamte Aussage der Szene geht flöten.

    • singendelehrerin schreibt:

      Das Beispiel aus GoT ist sehr gut, um zu illustrieren, dass Gewalt – in guten Serien und Filmen – eben kein Selbstzweck ist und deswegen nicht ohne Nachdenken solche Szenen geschnitten werden sollten.

      Trotzdem verstehe ich die Sender schon zum Teil, weil eben viele Fernsehzuschauer nicht so weit sind, dass sie das selbst entscheiden können, wie viel Gewalt sie vertragen (wollen), weil sie einfach noch zu jung sind. Das ist das Dilemma daran, dass die meisten Pay-TV-Serien bei uns im Free-TV laufen. Ich finde es manchmal schon erschreckend, was meine Freundin, die in einem Hort für Grundschüler arbeitet, da immer so erzählt. Da fragen 7-Jährige, warum ihre Erzieherin nicht „Chucky, die Mörderpuppe“ ansieht, denn der Film sei doch „nicht schlimm“. Aber das ist im Grunde genommen ein eigenes Thema. Mir ging es hier schon um die erwachsenen Konsumenten.

  4. Frau_Shmooples schreibt:

    Ich gucke gerne Filme und Serien die Martial Arts thematisieren. Einfach, weil mich diese Kampfkunst interessiert und fasziniert. Ich finde es unglaublich zu sehen, wozu der menschliche Körper allein schon in der Lage ist. Davon abgesehen, habe ich gemerkt, dass Kampfsport für mich persönlich eine super geeignete Variante ist, um die Aggressionen, die sich im Alltag so ansammeln und aufstauen, raus zu lassen und zu verarbeiten. Solche Filme und Serien sind da schon prima… Denn da wird mir noch mal so richtig klar, warum es besser ist, Gewalt abzulehnen. Es geht darin ja nicht immer nur um reine Gewalt, sondern auch um diverse psychische Belange der Beteiligten. Und diesen Einblick finde ich bei TWD schon ziemlich gut. Ich möchte mir gar nicht ausmalen, wie es sich für mich anfühlen würde in so einer entrückten Welt leben zu müssen. Auf der einen Seite dem natürlichen Lebensdrang zu folgen, aber gleichzeitig nicht zu wissen, was für eine Zukunft die Welt noch für einen bereit hält.
    Bei Serien wie GOT geht es mir auch um Authenzität. Wenn da viel weggeschnitten wird, gehen nicht nur Aussagen stiften, sondern irgendwo auch Merkmale früherer Jahrhunderte. Das Intrigenpotenzial finde ich übrigens beängstigender als die eingesetzte Gewalt.
    Dann gibt es auch wieder Serien wie One Piece, die ich gerne gucke, die nicht komplett ins Deutsche übersetzt wurde, weswegen ich dann dazu überging, den Anime auf Japanisch weiter zu gucken. Erst im Original kommen wichtige Charaktermerkmale richtig zum Vorschein, weil im Deutschen so viel weggeschnitten oder verändert wurde. Die Serie wurde damals ja auf RTL II im Nachmittagsprogramm ausgestrahlt. Ich vermute, da wurde die Zielgruppe einfach falsch eingeschätzt. Am Anfang ist alles noch schön und toll, aber von Kapitel zu Kapitel wird es brutaler und es geht auch häufiger um das Töten von Gegnern. Im Deutschen wird aber nie vom Töten gesprochen 😉 Das ist schon blöd, wenn man das bei einem Charakter sieht, von dem man weiß, er würde nicht zögern seinem Gegner den Garaus zu machen.

    • singendelehrerin schreibt:

      Was ich ja an TWD immer am schockierendsten finde, ist die Gewalt, die unter den MENSCHEN passiert, weswegen ich eben mit den „Abschlacht-Bildern“ mit den Zombies ganz gut klarkomme. Gerade bei dieser Serie wird mir aber auch klar, dass Gewalt eben manchmal auch nötig ist. Wir können in unserem geruhsamen Leben wunderbar „gegen Gewalt“ sein, es gibt aber einfach Situationen, in denen man ohne Gewalt nicht weiterkommt, ja, in denen es sogar Sinn macht, dass Kinder schießen lernen. Die Zombie-Apokalypse ist ein extremes, fiktives Szenario, aber man braucht ja nur in den Irak oder nach Syrien schaun…
      Das ist manchmal für mich, als jemand, der sich noch nicht mal vorstellen kann, jemandem – im Ernst – eine Ohrfeige zu geben, der prinzipiell gegen Waffen und Krieg ist, eine schwierige und interessante Erkenntnis.
      Authentizität ist ein gewichtiges Argument! Gerade bei dem quasi-mittelalterlichen Setting von GoT kann man jetzt nicht erwarten, dass alle ihre Streitigkeiten „ausdiskutieren“ und friedlich beilegen. In so einer Welt ist das Leben dreckig, brutal und meistens unbarmherzig. Bleibt trotzdem die Frage, warum wir uns so gerne so eine Welt antun. Mein Vater z.B. hat dafür gar kein Verständnis. Er sagt immer, es gibt genügend Schlimmes in der Welt, und so will er sich nicht auch noch „zum Spaß“ mit so etwas beschäftigen. Finde ich völlig legitim. Kommt das dann erst mit dem Alter? Ist es Typsache?

      • Stepnwolf schreibt:

        „Das ist manchmal für mich, als jemand, der sich noch nicht mal vorstellen kann, jemandem – im Ernst – eine Ohrfeige zu geben, der prinzipiell gegen Waffen und Krieg ist, eine schwierige und interessante Erkenntnis.“ Der Mensch ist unter bestimmten extremen Bedingungen zu Dingen fähig, die er mit dem Verstand des rational denkenden Menschen nicht erklären könnte. Selbst du könntest in einer derartigen Situation, wie der fiktiven postapokalyptischen Welt von TWD, sehr schnell zur noch kurz zuvor verständlicherweise abgelehnten Gewalt greifen, ohne dich dieser Tat bewusst zu sein. Die danach stattfindende Reflexion wäre dann wohl ein ziemlicher Schock. 😉 Das macht übrigens in gewisser Weise auch die Faszination speziell dieser Serie aus. Nicht so sehr die Gewalt an sich, sondern die Erkenntnis, dass jeder dazu fähig ist. Ausnahmslos. Und explizit auch gegen Nicht-Zombies.

      • singendelehrerin schreibt:

        Ja, ich denke auch, dass in der „richtigen“ Situation vermutlich (fast) jeder dazu fähig ist, Gewalt einzusetzen, um sich und seine Lieben zu schützen. Erschreckend – oder beruhigend? Wobei ich denke, es gibt schon auch die Möglichkeit, dass man erstarrt und unfähig ist, zu handeln.
        Auf jeden Fall hoffe ich, dass ich in meinem Leben nie in so eine Situation gerate.

      • Libertarian Anonymous schreibt:

        Zu vollkommenen Ablehnung von Gewalt ein Zitat:

        „Those who ‚abjure‘ violence can do so only because others are committing violence on their behalf.“

        …hat geschrieben: George Orwell.

        TWD stellt so gesehen lediglich eine Gesellschaft dar, in der die „others“ nicht mehr existieren und jeder auf sich selbst gestellt ist. Okay, es gibt kleine Gruppen, aber sie sind nicht gross genug, dass in ihnen die Ausübung von Gewalt einfach abgewälzt oder delegiert werden kann.

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