NT Live: Skylight (23.10.2014)

David Hare, der Autor des Stücks „Skylight‟, das 1995 uraufgeführt wurde (und seit 1997 nicht mehr), knüpfte das Revival an die Bedingung, das es über National Theatre Live Menschen in ganz Großbritannien (und darüber hinaus) zugänglich gemacht werden sollte. Ein großer Dank also an David Hare, dass ich sein faszinierendes Stück mit dieser fantastischen Besetzung letzten Donnerstag in München sehen durfte!

Inhalt:

Kyra Hollis wird an einem Winterabend überraschend zunächst von Edward Sergeant besucht. Edward macht sich Sorgen um seinen Vater Tom, der sich seit dem Tod seiner Ehefrau Alice (vor einem Jahr) geändert hat, sodass das Zusammenleben mit ihm sehr schwierig geworden ist. Edward bittet Kyra darum, doch Kontakt mit ihm aufzunehmen, weil er glaubt, dass sie ihm helfen kann. Denn er ahnt, was ihm gegenüber nie ausgesprochen wurde: Kyra und Tom hatten eine langjährige Affäre. Dabei war Kyra wie ein Teil der Familie, ohne dass Alice oder Kinder wussten, welche Art Beziehung Kyra zu Tom hatte. Als die Affäre aufflog, verschwand Kyra aus dem Leben der Sergeants. Auf die Frage, ob Kyra denn nichts am Leben mit den Sergeants vermisse, sagt sie: „Breakfast‟.
Kurz nachdem Edward wieder gegangen ist, taucht Tom auf. Und nun entspinnt sich ein Gespräch über Entscheidungen, Gefühle und Politik, das die beiden führen, während Kyra Spaghetti Bolognese kocht (sie tut dies tatsächlich live auf der Bühne, auf einem funktionierenden Gasherd). Am Ende des ersten Akts sieht es so aus, als kämen sich die beiden wieder näher.

 

Aber in Act 2 kommt das Gespräch auf Kyras Arbeit als Lehrerin an einer Schule in East Ham – nicht gerade als einfaches Viertel in London bekannt -, und Tom kann nicht wirklich glauben, dass das die Art Leben ist, das sie führen will. Er selbst ist ein Aufsteiger, kam also aus einfachen Verhältnissen, wurde dann aber ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann, der in Luxux leben kann – und nicht versteht, dass Kyra freiwillig in einer Wohnung – ohne Zentralheizung – in Kensal Rise wohnt. Seiner Meinung nach läuft sie weg. Kyra wiederum sagt ganz klar, dass das nun das Leben ist, das sie führen will. Die Gegensätze sind doch zu groß – Kyra bestellt Tom ein Taxi und Tom geht.

Doch Tom bleibt nicht der letzte Besucher: Edward steht um kurz vor 7 Uhr morgens wieder vor der Tür – und hat Frühstück mitgebracht, mit all dem, wovon Kyra am Abend zuvor geschwärmt hatte.

Die Darsteller:

Ein besonderes Schmankerl dieser Inszenierung ist, dass Bill Nighy, der die Rolle schon 1997 verkörpert hatte, erneut Tom Sergeant spielt. Sicher, er hat vom Alter her damals besser dazu gepasst (er soll eigentlich knapp 50 Jahre alt sein, ist heute aber 65), aber man hatte trotzdem das Gefühl, dass ihm die Rolle geradezu auf den Leib geschneidert ist: Tom ist arrogant, aber dennoch verletzlich, schnell dabei, ein Werturteil über andere zu fällen, aber gleichzeitig zerfressen von Schuld. Bill Nighy stellt all dieses perfekt dar!

Den weiblichen Gegenpart übernimmt Carey Mulligan, die zwar einen Tick zu jung ist (im Stück wird sie als knapp über 30 beschrieben), aber ansonsten die Rolle wundervoll ausfüllt. Man denkt ja von ihrem Äußeren her irgendwie immer, dass sie ein zartes Persönchen ist, aber sie spielt Kyra sehr resolut und ohne Schnörkel. Irgendwie fiel mir das erste Mal auf, dass sie eine recht tiefe Stimme hat, was ein wunderbarer Kontrast zu ihrem mädchenhaften Aussehen ist. Ich schätze sie ja schon seit längerem (finde sie z. B. grandios in Drive und Shame), mit dieser Performance hat sie sich noch mehr in mein Herz gespielt.

Edward, der 18-jährige Sohn von Tom, wird ganz reizend gespielt von Matthew Beard, der zwar schon 25 ist, aber durchaus jünger wirkt. Zuletzt habe ich ihn als einen der Unsympathen in The Riot Club gesehen, in „Skylight‟ war er dagegen ein richtiges „Herzchen‟.

Die Inszenierung:

„Skylight‟ spielt komplett in der Wohnung von Kyra, von der aus man auf die gegenüberliegende Fassade eines wohl ebenso scheußlichen Wohnblocks, wie der, in dem Kyra wohnt, blicken kann. Die Bühne sah somit sehr realistisch aus, wozu eben auch passte, dass das Kochen des Abendessens nicht nur angedeutet wurde, sondern dass Carey Mulligan tatsächlich Zwiebeln schnippelte, Karotten schälte und diese und noch mehr Gemüse zerkleinerte, das Ganze auf dem Gasherd brutzeln ließ, die Nudeln tatsächlich zu lang kochen ließ. So etwas hatte ich noch nicht auf der Bühne erlebt – toll! So fühlten sich entsprechend auch die Dialoge sehr echt an; und es brauchte keine Gimmicks, um das Geschehen irgendwie aufzupeppen. Es war einfach spannend, den beiden zuzuschauen und zuzuhören.

Der Text:

David Hare ist beileibe kein Unbekannter in der Welt des Theater und des Fernsehens: er hat 27 Theaterstücke geschrieben und u.a. die Drehbücher zu The Hours und The Corrections (beides allerdings Adaptionen). Für mich war es das erste Theaterstück, das ich von ihm gesehen habe, und ich bin begeistert von seinen Dialogen, die mal witzig, mal bitterernst sind. Insbesondere Tom Sergeant hat er wunderbar lustige Lines in dem Mund gelegt, so z. B.:

Tom: It was how I was always told you could get women into bed. By doing something which is called ‚listening to their problems‘. It’s a contemptible tactic.
Kyra: You wouldn’t do it?
Tom: No. Of course not. You know me, Kyra. I wouldn’t stoop to it. Either they want you or else they don’t. Listening’s half way to begging.

Mein Lieblingszitat:

Fucking gardening! If I could make it illegal I would!

Was im Theater ja eher selten und eher frowned upon ist, ist Szenenapplaus. Aber es gab einen Monolog, in dem Kyra mit vollem Herzen gegen die Politiker und Journalisten wettert, die immer alles besser wissen, nach dem Applaus im Theater aufbrandete:

I’m tired of these sophistries. I’m tired of these right-wing fuckers. They wouldn’t lift a finger themselves. They work contentedly in offices and banks. Yet now they sit pontificating in parliament, in papers, impugning our motives, questioning our judgements. And why? Because they themselves need to feel better by putting down everyone whose work is so much harder than theirs. You only have to say the words ’social worker’ . . . ‚probation officer‘ . . . ‚counsellor‘ . . . for everyone in this country to sneer. Do you know what social workers do? Every day? They try and clear out society’s drains. They clear out the rubbish. They do what no one else is doing, what no one else is willing to do. And for that, oh Christ, do we thank them? No, we take our own rotten consciences, wipe them all over the social worker’s face, and say ‚if …’ FUCK! ‚if I did the job, then of course if I did it… oh no, excuse me, I wouldn’t do it like that. …’ Well I say: ‚OK, then, fucking do it, journalist. Politician, talk to the addicts. Hold families together. Stop the kids from stealing in the streets. Deal with couples who beat each other up. You fucking try it, why not? Since you’re so full of advice. Sure, come and join us. This work is one big casino. By all means. Anyone can play. But there’s only one rule. You can’t play for nothing. You have to buy some chips to sit at the table. And if you won’t pay with your own time . . . with your own effort . . . then I’m sorry. Fuck off!’

Fazit:

Starkes Stück, das es nicht nur schafft, Beziehungen glaubhaft darzustellen, sondern auch enorm gesellschaftskritisch ist. Die Inszenierung war so gut, dass „Skylight‟ im nächsten Frühjahr auch am Broadway in derselben Besetzung gespielt wird.

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9 Antworten zu NT Live: Skylight (23.10.2014)

  1. Schlopsi schreibt:

    Oh verdammt, das hätte ich sooo gerne gesehen. Liest sich ja hervorragend, und schon allein die eine von dir angegebene Textstelle passt so gut zu Nighy. Den würde ich zu gerne mal „live“ sehen…
    Ach mensch, jetzt bin ich neidisch. Again.

  2. Libertarian Anonymous schreibt:

    Irgendwie verwechsle ich IMMER Carey Mulligan und Michelle Williams, obwohl die beiden gar nicht sooo ähnlich aussehen. Aber sie sie haben im defaultmässig den gleichen, etwas leidenden und weltschmerzend dreinblickenden Gesichtsausdruck, glaube ich. 😉

  3. zirkusmanege schreibt:

    Schaust du die Stücke im „Cinema“ an? Skylight klingt jedenfalls sehr interessant. Tja, beim Thema Carey Mulligan bin ich eh ein bisschen verloren…(Fanboy der ersten Stunde!).

    • singendelehrerin schreibt:

      Ja, ich gehe ins Cinema dafür. Ist sowieso mein Stammkino (jede Woche in die Sneak Preview). Da fällt mir ein, dass ich noch ein Ticket für „Of Mice and Men“ (diesmal vom Broadway) am 1.12. kaufen muss! 🙂

      Carey Mulligan ist toll – verstehe da jeden Fanboy! 🙂

      • zirkusmanege schreibt:

        Ins Cinema schaff es nicht immer, aber hin und wieder bin ich auch dort. Of mice and men hab ich mal den Film mit John Malkovich gesehen – hat mich damals nicht umgehauen. Aber das ist zehn Jahre her. Sollte ich dem Stück eine zweite Chance geben? 😉

        • singendelehrerin schreibt:

          Also, ich mag die Verfilmung und auch das Buch.
          Stücke vom Broadway habe ich noch nicht gesehen, aber bisher waren alle Theaterübertragungen sehenswert, manche regelrecht umwerfend. Ich kann’s also nur empfehlen! 🙂 Soll ich zwei Tickets kaufen? 😉

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