Die Freitagsfrage #3: Wer leistet mehr: Theater- oder Filmschauspieler?

Zugegebenermaßen ist mir für diese Woche keinbesonders kontroverses Thema eingefallen. Aber nachdem ich gestern Bill Nighy und Carey Mulligan über NT Live in dem Theaterstück „Skylight“ (David Hare, Regie: Stephen Daldry) bewundert habe, hat sich mir (mal wieder) die Frage aufgedrängt, was eigentlich höher zu bewerten ist: die Leistung, die ein Schauspieler über Monate jeden Abend – ohne Cut – in einem Theaterstück erbringt, oder die eines Filmschauspielers, der zehnmal hintereinander dieselbe Szene spielen muss – völlig aus dem Kontext gerissen – bis sie so ist, wie sie dem Regisseur gefällt?

Seitdem ich über NT Live (und kürzlich live in London Richard III) schon eine ganze Reihe von ganz außerordentlichen Produktionen (u. a. Frankenstein, Coriolanus, Othello) gesehen habe, tendiere ich eigentlich dazu, die Schauspieler, die mir vorher aus Film und Fernsehen bekannt waren, noch höher in ihrem schauspielerischen Können, das ich von ihnen auf der Bühne erlebt habe, einzuschätzen. Gleichwohl können „normale Theaterschauspieler“ gerade so von ihrem Gehalt leben, während berühmte Filmschauspieler gar nicht wissen, wohin mit ihrem Geld.

Hat es ein Theaterschauspieler leichter, weil er die ganze Zeit in der Rolle bleiben kann, und weil er sofort live dafür Anerkennung gezollt bekommt?

Hat es ein Film- oder Serienschauspieler leichter, weil er, wenn ihm der Text nicht einfällt, einfach nochmal anfangen kann, und weil er sich ganz auf EINE Szene konzentrieren kann?

Ist der Vergleich überhaupt zulässig bzw. gewinnbringend?

Was meint ihr?

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19 Antworten zu Die Freitagsfrage #3: Wer leistet mehr: Theater- oder Filmschauspieler?

  1. bullion schreibt:

    Ich denke jede Art von Schauspiel hat seine Herausforderungen, wobei ich Theater wohl doch als anspruchsvoller einschätzen würde. Speziell Filmschauspieler, die nicht ganz oben angekommen sind, haben aber wohl auch ziemlich zu kämpfen. Insofern: schwierig…

    • singendelehrerin schreibt:

      „Speziell Filmschauspieler, die nicht ganz oben angekommen sind, haben aber wohl auch ziemlich zu kämpfen.“ – Das ist sicherlich richtig! Auch Nebencharaktere in Serien, die immer nur alle paar Folgen auftauchen, verdienen bestimmt nicht das große Geld. Da bekommt ein Schauspieler, der fest an einem renommierten Theater engagiert ist, vermutlich mehr.

  2. An schreibt:

    Auf jeden Fall sind die beiden Arten sehr unterschiedlich zu spielen. Aber wahrscheinlich ist Theater spielen schwieriger, weil man dann eben alles auf einmal spielen muss, alles können muss, keinen zweiten Versuch hat. Bei Filmen oder Serien kann man es eben einfach nochmal versuchen, wenn man seinen Text vergessen hat oder sich verspricht. Andererseits sieht man bei Filmen oder Serien alles sehr viel genauer, von ganz nah die Mimik und jede winzige Bewegung, während die Zuschauer beim Theater sehr viel weiter weg sind. Ich finde das auch sehr schwierig, da zu sagen, dass eine wäre schwieriger als das andere, es ist jedenfalls beides nicht leicht, beides nicht gerade der sicherste Job, aber beides toll. 😉

    • singendelehrerin schreibt:

      „es ist jedenfalls beides nicht leicht, beides nicht gerade der sicherste Job, aber beides toll.“
      Da stimme ich dir absolut zu! Auch wenn ich das Talent nicht dafür habe, ich glaube, wenn du so’n richtig guter Schauspieler bist, muss das ein unglaublich befriedigender Job sein. Erstmal dahin zu kommen, dass das auch andere merken, wie gut du bist, ist sicher ein verdammt harter Weg für die allermeisten, und wenn du einmal oben bist, heißt das auch nicht, dass du immer dort bleiben wirst. Ob Film oder Theater: es bleibt auf jeden Fall harte, aber, da bin ich mir sicher, gleichzeitig sehr erfüllende Arbeit.

  3. filmschrott schreibt:

    Ich würde hier mal ganz klar das Theater wählen. Den ganzen Abend auf der Bühne zu stehen, den kompletten Text auswendig zu lernen – es sei denn, man hat seine Lehrerin dabei, die hinter dem Vorhang steht und Stichpunkte reinbrüllt, wenn man hängt, was ich aber bei professionellen Stücken für eher unwahrscheinlich halte – und eventuell auch die Rolle an manchem Abend anders anzulegen, als am Abend zuvor, dürfte mehr Arbeit erfordern, als eben eine 2 Minuten Szene zu drehen und anschließend wieder ins Drehbuch zu gucken, um die Erinnerung an die nächste aufzufrischen.
    Marlon Brando hat sich sogar mal für einen Film geweigert, seinen Text zu lernen. Deshalb wurde der dann überall hingekritzelt, wo er eben gerade gedreht hat, damit er ihn ablesen kann.

    Allerdings werden Filme natürlich selten chronologisch gedreht, was es wohl erschwert, den Text komplett draufzuhaben, weil man ja auch immer erst überlegen müsste, in welcher Szene man sich gerade befindet.

    Ausnahmen bestätigen aber auch hier die Regel. Hitchcocks Rope bzw. Cocktail für eine Leiche wurde beispielsweise nur in 4 oder 5 Takes gedreht. Und generell waren Longtakes früher wohl öfter mal an der Tagesordnung. Heute sieht man sowas ja kaum noch.

    Deshalb: Theater.

  4. Libertarian Anonymous schreibt:

    Nun, die Anforderungen sind unterschiedlich:

    Theater: Live, Stress, keine Wiederholung von Szenen möglich, man muss den Text komplett auswendig können usw.

    Film/TV: Sehr viel subtilere und differenzierte Art der Schauspielerei – im Idealfall! Im Fernsehen oder Film gibt es in dem Sinn, dass dort Sicht bzw. Akustik wesentlich schlechter wären, eben keine „letzte Reihe“ – im Gegenteil, gerade Film wirkt noch als Verstärker, weil alles überlebensgross dargestellt wird. Allein dadurch ist es schon möglich, z.B. Nuancen in der Mimik sichtbar zu machen, die im Theater für das Publikum – vielleicht sogar für die erste Reihe – unsichtbar bleiben würde. Für ein gutes Ergebnis ist also eine sehr hohe „Präzision“ nötig.

    Aufgrund des Vergrösserungseffekts stellt Film auch ganz anderes Herausforderungen an das optische Erscheinungsbild eines Schauspielers – jeder Unperfektheit wird entsprechend verstärkt. Deswegen ja auch die Fitness-Besessenheit in Hollywood.

    Dazu kommt, dass die Filmszenen nicht kontinuierlich gedreht werden. Aus der Sicht eines Schauspielers ist der Film erst mal eine Aneinanderreihung von recht zusammenhanglosen Szenen, in die er sich innerhalb von Sekundenbruchteilen wieder hineinfinden muss, damit Ergebnis hinterher nicht holprig wirkt.

    Je mehr ich darüber nachdenke, desto IMHO eindeutiger: Film ist schwieriger.

    • singendelehrerin schreibt:

      Die Ansprüche, die beim Film ans Aussehen der Schauspieler gestellt werden, halte ich tatsächlich auch für eine Komponente, die auch belastend sein kann. Dieses Problem hast du sicher als reiner Theaterschauspieler weniger.

  5. Frau_Shmooples schreibt:

    Eine gute Frage.
    Das Theater beschert den Schauspielern sicher einige Adrenalinkicks. Da passiert ja alles live, alles muss sitzen. Daher denke ich, dass Theater viel mehr Kopfarbeit beinhaltet.
    Wenn ich mir dagegen Serien wie „Spartacus“ z. B. anschaue, liegt da die körperliche Arbeit im Mittelpunkt. Da hab ich mir mal auf youtube angeschaut, wie sie die ganze Vorbereitung im Trainingscamp gezeigt haben; das ist schon ziemlich aufwändig für jeden einzelnen. Solche Kampfszenen dann später zu drehen ist bestimmt auch nicht ohne.
    Ich kann mir auch vorstellen, dass Theaterschauspieler ein ruhigeres Leben führen können. Ich zumindest würde keinen auf der Straße wieder erkennen, aber ich interessiere mich dann auch eher für das gesamte Stück, als nur die einzelne Person.

    • singendelehrerin schreibt:

      Ja, die körperliche Komponente mag insbesondere bei Action-lastigen Filmen eine besondere Herausforderung sein.
      Allerdings habe ich durch die NT Live-Übertragungen festgestellt, dass du auf der Bühne auch sehr viel körperliche Spannung brauchst. Als normaler Theaterbesucher siehst du das nicht so, weil du ja weit weg bist, aber wenn du bei den Übertragungen auf die Kino-Leinwand dann siehst, wie viel körperliche Arbeit da auch drinsteckt – beeindruckend! Wie beim Singen (da hab ich jetzt mehr Erfahrung als mit dem Schauspielern) der Klang ganz anders ist, wenn du mit Körperspannung singst, so werden auch Emotionen, wie Wut, Enttäuschung, auch Trauer, erst dann für den Zuschauer in der letzten Reihe im Theatersaal erfahrbar, wenn du eben nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem ganzen Körper spielst.

  6. singendelehrerin schreibt:

    Ich danke euch allen für eure Gedanken zu meiner Frage! Wie man z. B. an den Antworten von filmschrott und Libertarian Anonymous sieht, gibt es hier keinen Konsens, was ganz gut zu meiner eigenen Unentschlossenheit passt.

    Ich habe selber schon Theater gespielt (in der Schule und zwei Semester in der Uni, in der English Drama Society), habe aber tatsächlich relativ wenige Erinnerungen daran, wie schwer es mir z. B. gefallen ist, den Text zu lernen. Ich weiß nur, dass ich es irgendwann leid war, dass ich fast immer ältere Witwen spielen musste. Eine meiner „most hated lines“ in dem Stück, das wir mit der English Drama Society aufgeführt haben: „Story of my life“… Richtig DRIN in der Rolle war ich im Prinzip nie – das ist vielleicht leichter, wenn man jemanden spielen darf, der dem eigenen Alter entspricht. Naja, irgendwann war mir auf jeden Fall klar, dass ich nicht fürs Schauspielen gemacht bin – leider… 😦

    • Libertarian Anonymous schreibt:

      „…fast immer ältere Witwen spielen…“ ?? Unglaublich. Das ist ja die Fehlbesetzung des Jahrhunderts! 😉

  7. Miss Booleana schreibt:

    Ich kann zwar kaum noch was neues zu der Diskussion beitragen, aber ich erachte Theaterschauspiel als schwieriger. Der vorrangige Grund ist für mich einfach der, dass sie in die Gesichter ihrer Zuschauer gucken können / müssen und live gut sein müssen. Wenn eine Szene verpatzt ist, dann wird sie wiederholt. Ewig, bis es sitzt. Das geht auf der Bühne nicht. Auf der anderen Seite kann das Schauspieler-Dasein auch im Film richtig hart sein. Wenn ich so von Leistungen wie krassem Gewichtsverlust lese oder wenn Schauspieler Grenzen sprengen und Sachen machen, um die ich mich nicht reiße (Stunts selber machen, lange tauchen, jemanden küssen … den man sonst nicht unbedingt küssen will?, Sexszenen an und für sich, Nacktheit vor der Kamera) – andererseits können die sich das vielleicht aussuchen. Bspw. entscheiden einen Stunt nicht selber zu machen.

    • singendelehrerin schreibt:

      Wobei es natürlich auch Theaterstücke gibt, in denen Schauspieler nackt auftreten müssen; man denke nur mal an den „Aufruhr“, den es gab, als Daniel „Harry Potter“ Radcliffe in „Equus“ nackt auftrat!

      • Miss Booleana schreibt:

        Ah ja – ich erinnere mich. 🙂 Das Ende der Unschuld … als mich die Nachricht aus der Bild-Zeitung anschrie (die sonst eher nicht über das Theater berichtet), wusste ich, dass das eine wiiiichtiiiige Nachricht ist XD
        Aber ja, du hast natürlich Recht – das gibt es auch. Und dann ist es irgendwie noch schlimmer direkt vor dem Publikum zu stehen. Denn da wird nun mal eben nicht die schmeichelhafteste Kameraeinstellung ausgesucht.

      • singendelehrerin schreibt:

        Finde ich auch – das würde mich wahrscheinlich tatsächlich noch mehr stressen, LIVE vor einem Publikum nackt rumzulaufen, als vor einem Kamerateam, das ich kenne…

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