The Riot Club (Lone Scherfig, UK 2014)

Selten habe ich solche Hassgefühle gegen eine Gruppe von Menschen verspürt, wie die, die ich bei der Sneak Preview von The Riot Club gegen die Mitglieder eben dieses Clubs entwickelt habe. Da man sich sehr gut überlegen sollte, ob man sich dem aussetzen will, wird meine Kritik auch Spoiler enthalten.

Der Film von Lone Scherfig (An Education, One Day) basiert auf dem Theaterstück Posh von Laura Wade, die ihr Stück selbst für die Leinwand adaptiert hat, und hat ihr Real-Life-Vorbild in dem berühmt-berüchtigten Bullingdon Club der Oxford University. Auch wenn sich dieser Club als „Dining Society“ bezeichnet, ist es im Prinzip eine besonders elitäre Studentenverbindung, die sich zum Fressen, Saufen und anschließendem Verwüsten der Räumlichkeiten trifft. Wade hat wohl immer bestritten, dass der Riot Club in ihrem Stcük ein Abziehbild des Bullingdon Club ist, aber wenn man mal nachliest, was über den Bullingdon Club geschrieben wird (ich habe oben den englischsprachigen Wikipedia-Artikel verlinkt, weil der viel ausführlicher ist als der deutsche), dann sind die Parallelen unübersehbar. Außerdem bestreitet Wade nicht, dass ihr Theaterstück (2010) – und jetzt auch der Film (2014)- zu Zeiten ans Publikum gebracht wurde, als Wahlen in Großbritannien anstanden (die nächsten sind 2015). Brisant ist, dass einige hochrangige Politiker, u. a. der amtierende Premierminister David Cameron, Mitglieder dieses Clubs waren.

Der Film zeigt nun, wie der Riot Club, der nicht mehr als zehn Mitglieder haben darf, zwei neue Mitglieder (Alistair und Miles) rekrutiert. In den Club dürfen nur junge Männer aus der Upper Class von , die von amtierenden Mitgliedern vorgeschlagen werden und die eine Reihe von „Tests“ bestehen müssen. Da in den Club nur aufstrebende zukünftige „Leader“ aufgenommen werden, müssen sie neben ekligen Mutproben, wie einen ganz besonders ekligen Cocktail (inkl. Urin etc.) zu trinken, auch Wissensfragen beantworten. Zur „Feier“ der Aufnahme werden ihre Zimmer verwüstet (inkl. der Zerstörung des Laptops z. B.). Who the f*ck wants to be in such a club???

Alistairs (Sam Claflin) Beweggründe sind vielleicht, weil er nicht so gut bei den Mädels ankommt, warum Miles (Max Irons, Jeremy Irons‘ Sohn) Mitglied werden will, versteht weder seine „non-upper-class“ Freundin Lauren (Holliday Grainger), noch der Zuschauer. Denn im Gegensatz zu den anderen arroganten A*schlöchern des Clubs, scheint er sich nicht für etwas Besseres zu halten und schaut nicht auf die Studenten, die nicht von renommierten Privatschulen kommen, herab. Und doch lässt auch er sich hineinziehen in diesen amoralischen Sumpf.

Den Höhepunkt des Films bildet das Dinner, mit dem die Aufnahme der beiden Neulinge gefeiert wird. Und spätestens ab hier wächst beim Zuschauer die Abscheu bis in Unermessliche. Also, zumindest ging es mir so. Und ich verstehe überhaupt nicht, warum manche Kritiker diesen Film als „hilarious“ bezeichnen – ich fand, was da abging, überhaupt nicht lustig… Das geht los mit der herabwürdigenden Art und Weise, wie über die Lower Class geredet wird, wie z. B. beklagt wird, dass diese eben vom Staat erwartet, Hilfen zu bekommen (während in Wirklichkeit sie es sind, die erwarten, dass ihnen die gebratenen Gänse in den Mund fliegen), findet den ersten Höhepunkt in der Annahme, sie könnten eine Dame vom Escort Service (Natalie Dormer) bestellen, die für 300 Pfund unter den Esstisch krabbelt und dann allen zehn Mitgliedern der Reihe nach einen bläst (sie verweigert dies), wird fortgesetzt mit der völligen Zerstörung des Restaurant-Nebenraumes, in dem sie „diniert“ hatten, und gipfelt dann darin, dass sie auch noch den Besitzer des Restaurants brutalst zusammenschlagen (Alistair ist dabei der Rädelsführer). Mir war schlecht vor Wut.

Und was ist die Moral von der Geschicht?

Nun, immerhin zeigt sich Miles hinterher reuig und tritt aus dem Club aus. Aber auch wenn er sich aus der Gewaltorgie gegen Einrichtung und Inhaber des Restaurants rausgehalten hat – er hat sie auch nicht verhindert (etwa durch einen Telefonanruf bei der Polizei). Ja, er war auch stockbesoffen, aber das kann keine Entschuldigung sein. Außerdem hat es noch einen Zwischenfall mit seiner Freundin gegeben: Alistair hatte ihr heimlich über Miles‘ Handy getextet, sie solle kommen und ihn „retten“. Als sie angekommen ist, bietet Alistair ihr 27.000 Pfund (die Studiengebühr für drei Jahre) an, wenn sie das tut, wozu die Frau vom Escort Service nicht bereit war. Miles erster Kommentar zu Lauren: „It’s your decision“. Er versucht dann, es wieder irgendwie hinzubiegen, dass er halt gedacht hat, es sei eine Menge Geld für sie und es sei nicht seine Entscheidung. Genau das, was man als Freundin in so einem Fall hören will. 😦 Konsequent fand ich, dass Lauren ihm das nicht verziehen hat, so „nett“ und „lieb“ er sonst gewesen war.

Und zunächst denkt man auch, dass der Gerechtigkeit zumindest halb Genüge getan würde, als Alistair verhaftet wird – schließlich war er bei der Massenprügelei (neun gegen einen) tonangebend. Aber schon der Deal, dass nur er angeklagt werden soll und auch nur er aus der Schule fliegen soll, hinterlässt einen schalen Beigeschmack. Das Ende des Films lässt allerdings auch darauf schließen, dass er – mit der Hilfe des ehemaligen Mitglieds und inzwischen sehr einflussreichen Jeremy (Tom Hollander) – wahrscheinlich ungeschoren davonkommen wird.

Nun, das ist leider anscheinend ein recht realistisches Ende, lässt den Zuschauer aber doch recht frustriert und wütend zurück.

Ein überaus schwierig zu bewertender Film für mich, denn im Grunde genommen haben Autorin und Regisseurin genau das bei mir erreicht, was wohl erzeugt werden soll: eine tiefe Abscheu gegenüber dieser Gruppe von privilegierten Elite-Studenten, die meinen sich alles erlauben zu können – und damit noch nicht mal falsch liegen. Wenn man nun auch noch weiß, dass etliche Politiker der Konservativen Partei in dem „Vorbild“ zu diesem Club Mitglied waren, dann weitet sich diese Abscheu auch auf eben jene Politiker aus. Die Klassengesellschaft scheint also nach wie vor zementiert zu sein; und insbesondere die Upper Class will keine Änderung des Systems. Ziel erreicht?! Aber um welchen Preis? Ich fand es streckenweise eine Tortur, Zeuge dieser Gier, dieser Frauenverachtung, dieser Missachtung des Eigentums anderer, dieser Maßlosigkeit und Brutalität zu sein. Ich würde auf keinen Fall – auch wenn es thematisch zum Stoff passen würde, den ich in meiner 13. Klasse gerade durchnehme – mit meinen Schülern in diesen Film gehen. Der Film ist wohlgemerkt ab 12 freigegeben. Vielleicht werde ich aber ein Referat zu dem Thema vergeben…

Einige weitere Schauspieler: Douglas Booth (2015 zu sehen in Jupiter Ascending), Ben Schnetzer (im Vergleich zu seiner Rolle in Pride eher blass), Jessica Brown Findlay (Downton Abbey) und Freddie Fox (Sohn von Edward Fox, Bruder von Emilia Fox).

5-6 von 10 Punkten.

 

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3 Antworten zu The Riot Club (Lone Scherfig, UK 2014)

  1. Frau_Shmooples schreibt:

    Eigentlich lese ich solche Reviews gar nicht…
    Ich denke aber, hätte ich den Film gesehen, würde es mir genau so gehen, wie Dir. Ich kann solche Leute nicht ausstehen. Was macht einen so besonders privilegiert, wenn man nicht mal die normalsten Dinge im Leben versteht? Wie Respekt anderen Menschen gegenüber und solche Dinge. Da wünschte man sich, denen ginge von heute auf morgen das Geld aus.
    Als ich in Irland auf dem College war gab es da auch so einen gewissen Typen, der sich für den größten hielt. Bei dem war es zwar nicht so extrem, wie hier in diesem Film gezeigt wird. Aber es reicht schon, dass er nur mit ausgewählten Personen gesprochen hat und jeden, der nicht seinem Ideal entsprach hat er ignoriert und keines Blickes gewürdigt. Allein dieses Mustern anderer Personen lässt in einem die Wut auflodern… Und wenn man dann mal Gespräche mitbekommen hat – üwäääärgh D: Seine Freundin daheim war ihm wohl scheiß egal… Hauptsache saufen, feiern und viele Weiber flachlegen >_<

    • singendelehrerin schreibt:

      Danke für deinen Kommentar! Klingt ja auch nicht grade fein, was du über den Typen in Irland erzählst! Es ist schon traurig, dass diese Geschichten aus dem Leben gegriffen sind… 😦

  2. oldboyrap schreibt:

    Den wollte ich mir noch anschauen. Wird in unserem Kino nicht laufen, deshalb warte ich mal auf die DVD.

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