Book meets film #1: The Road

In den Ferien habe ich mal wieder etwas mehr gelesen, und so bekam ich Lust auf eine neue Kategorie, eine Reihe, in der ich die literarischen Vorlage mit ihrer filmischen Umsetzung vergleichen möchte. Zuerst habe ich an „Buch vs. Film“ gedacht – aber ich will die beiden Kunstformen nicht gegeneinander stellen. Entschuldigt bitte den englischen Titel dieser Reihe – irgendwie klingt der für mich griffiger als eine deutsche Entsprechung. Außerdem werden wahrscheinlich 99% der besprochenen Bücher und Filme ohnehin aus dem englischsprachigen Raum stammen.

Achtung, Spoiler!

Das Buch: The Road (Cormac McCarthy, 2006)

Vater („the man“) und Sohn („the boy“) sind unterwegs auf der Straße, immer auf der Suche nach etwas zu essen und auf der Hut vor „bad people“. Es ist eine post-apokalyptische Welt: alles ist mit Asche bedeckt, Tiere und Pflanzen sind ausgestorben, viele der Überlebenden sind zum Kannibalismus übergegangen (das wären dann die „bad people“). Die Mutter des Jungen, so erfährt man nach und nach, hat sich umgebracht, und so ist jetzt der Vater mit dem Jungen alleine auf dem Weg in den Süden (bis ans Meer), da sie im Norden den Winter wohl nicht überleben würden. Zum Schutz trägt der Junge eine Atemmaske; auf ihrem Weg werden sie sich immer wieder aus Tüchern solche Masken machen. Der Mann wird immer wieder von starken Hustenanfällen heimgesucht, die er versucht, vor dem Jungen zu verstecken.

Auf ihrem Weg sehen die beiden sehr viel Schlimmes: Menschen, die sich lieber aufgehängt haben als den Kannibalen in die Hände zu fallen, Menschen, die wie Tiere in einem Keller gehalten werden, nur um nach und nach auf dem Teller zu landen, Leichen… Sie müssen sich auch immer wieder vor den „bad people“ verstecken, werden beraubt, stehen kurz vor dem Verhungern. Selbst als sie einen Bunker mit Nahrungsmitteln und vielem mehr finden, können sie sich nicht ewig dort verstecken und nur eine begrenzte Anzahl an Lebensmitteln mitnehmen.

Es ist ein hoffnungsloses Szenario, und doch gibt der Vater nicht auf – schließlich, so sagt er immer wieder seinem Sohn – tragen sie das Feuer (in sich). Er will seinen Sohn um jeden Preis schützen und ihm das nötige Rüstzeug zum Überleben (oder notfalls auch zum Selbstmord, falls er in die Hände von Kannibalen zu drohen gerät) mitgeben. Sie haben einen Revolver dabei, in dem zunächst noch zwei Patronen, später nur noch eine ist. Sein Sohn ist das Einzige, das für ihn zählt, und er weiß, dass er deswegen anderen Menschen nicht helfen kann – was etwas ist, das sein Sohn nicht immer akzeptieren will. Manchmal gibt dann auch der Vater nach, doch letztlich ist klar, dass sie immer alleine weitergehen müssen. Und so erreichen sie auch das Meer, aber ewig kann die Reise der beiden nicht weitergehen, denn der Vater wird immer schwächer, je stärker die Hustenanfälle werden. Nachdem ihm auch noch mit einem Pfeil ins Bein geschossen wurde, wird immer offensichtlicher, dass er sein Versprechen, seinen Sohn nie alleine zu lassen, nicht einhalten kann. Er stirbt. Und doch endet der Roman in gewisser Weise positiv, da der Junge von einer Familie aufgenommen wird und mit ihr weiterzieht. Natürlich kann es in so einer Welt kein wirkliches Happy End geben, aber es gibt doch noch einen Rest Hoffnung.

Das Buch ist meist in der 3. Person geschrieben, nur die Gedanken und Träume des Vaters (hier erfahren wir ein bisschen über die Ehefrau und Mutter) tauchen manchmal in der ersten Person auf, wobei diese nicht durch Anführungsstriche kenntlich gemacht werden. Dazwischen die Dialoge zwischen Vater und Sohn: knapp, oft aufs Nötigste reduziert, das häufigste Wort wahrscheinlich „Okay“. Überhaupt ist das Buch wenig reißerisch geschrieben. Selbst die Beschreibung der furchtbarsten Szenen ist recht nüchtern – und passt so zu dem eintönigen Grau in Grau dieser Welt, die der Autor zeichnet. So bleibt es auch einigermaßen erträglich, die Reise der Protagonisten zu begleiten. Trotz des nüchternen Tons wird dem Leser bewusst, in welcher hoffnungslosen Lage sich die beiden befinden – und wie außerordentlich stark deren Überlebenswillen und das Band zwischen Vater und Sohn ist. Enorm war der Effekt, den positive Ereignisse (das Finden des Bunkers) auf mich als Leserin hatten – als stünde ich selbst kurz vor dem Verhungern.

Ein starkes Buch, das die Hoffnung gibt, dass die Menschlichkeit nicht ganz verloren gehen muss in einer post-apokalyptischen Gesellschaft.

Der Film: The Road (John Hillcoat, USA 2009)

Die Film erreicht durch seine Bilder die exakt gleiche post-apokalyptische Stimmung wie das Buch: die Farbe ist fast komplett verschwunden, alles ist grau, bis auf das Feuer, das eine gewisse Wärme erzeugt, nicht nur wörtlich für die Protagonisten, sondern auch die Stimmung betreffend.

Inhaltlich gibt es nur wenige Abweichungen, weswegen ich nicht noch einmal den Plot darlegen werde. Im Grunde genommen wurden nur ein paar Dinge verkürzter dargestellt, womit ich gut leben kann. Andere Änderungen kann ich auch akzeptieren: so tragen sie z. B. keinen Atemschutz (wäre ja nicht so schön, wenn man immer nur die Augen sehen würde) und der Junge zieht sich am Wasserfall nicht nackt aus (leider, leider, geht das anscheinend in unserer übersexualisierten Welt nicht, weil sofort an Pädophilie gedacht würde).

Der Film steht und fällt natürlich mit den beiden Protagonisten: der Vater wird perfekt von Viggo Mortensen dargestellt, Kodi Smit-McPhee (Let Me In, Dawn of the Planet of the Apes) spielt seinen Sohn ebenfalls sehr überzeugend. Die Beziehung zwischen den beiden ist genau so, wie im Buch beschrieben, ja fast noch stärker nachzuempfinden durch die Mimik und Gestik, die durch den Film dazukommt. Dieser unbedingte Wille des Vaters, für seinen und mit seinem Sohn zu überleben, wird durch Viggo Mortensen so mitreißend dargestellt, dass das Filmerlebnis beinahe intensiver als das Leseerlebnis ist.

Dazu trägt auch bei, dass nun manche Szenen, die im Buch dadurch gerade noch erträglich waren, dass sie so sachlich beschrieben wurden, als Bilder einfach entsetzlicher wirken. Und so habe ich beispielsweise die Spannung kaum ausgehalten, als Vater und Sohn in einem Haus die eingesperrten, zum Verzehr bestimmten Menschen finden und dann die „bad people“ heimkommen und Vater und Sohn sich erst im Haus verstecken und dann aus dem Haus fliehen können – und das, obwohl ich ja wusste, dass die beiden entkommen. Schon beim Lesen dieser und anderer Szenen habe ich mich vor der filmischen Umsetzung gefürchtet. Aber es wurde jetzt auch nicht ausgeschlachtet und übertrieben ekelhaft und grausam dargestellt, was ich sehr gut finde. Manches überlässt auch der Film der Vorstellungskraft der Zuschauer.

In Flashbacks – den Träumen und Erinnerungen des Vaters – lernt man die Mutter des Jungen etwas kennen: manche Szenen waren wirklich eins zu eins aus dem Buch übernommen, bei anderen meine ich, dass sie „dazugedichtet“ wurden, um ein bisschen mehr Hintergrund zu liefern – und vielleicht auch, damit es sich für Charlize Theron lohnte mitzumachen. Das finde ich gut gelungen – auch vom Filmischen her: der Kontrast zwischen der aschgrauen Realität der Jetztzeit und der lichtdurchfluteten, farbenfrohen Prä-Apokalypse betont erneut die Ausweglosigkeit der jetzigen Lage, die Erinnerungen aus der Zeit direkt nach „dem Ende der Welt“ zeigt, wie die Mutter ihren Lebenswillen immer mehr verliert. Die Abschiedsszene zwischen ihr und dem Mann, die meines Erachtens nicht im Buch vorkommt, ist sehr berührend und zeigt, wie verzweifelt der Mann versucht hat, seine Frau von ihrem Vorhaben abzubringen.

Was mir sehr positiv aufgefallen ist, ist, dass der Film genauso wenig Aufschluss darüber gibt, welcher Art den nun eigentlich die Apokalypse war, wie das Buch. Das mag manchen Kinogänger, die gewohnt sind, dass Endzeitszenarien sich meistens auch mit der Ursache beschäftigen, unzufrieden zurücklassen – ich finde es gerade gut. Es geht ja nicht darum, was während des Untergangs der Welt, so wie wir sie kennen, sondern darum, wie die Überlebenden danach versuchen, ihre Menschlichkeit zu behalten.

Fazit: Braucht das Buch den Film oder der Film das Buch?

Beide Werke können auf eigenen Beinen stehen. Man muss das Buch nicht gelesen haben, um den Film richtig schätzen (oder gar verstehen) zu können. Man muss den Film nicht sehen, wenn man das Buch schon gelesen hat. Und trotzdem hatte ich, wohl wissend, dass der Film nicht weniger harte Kost bieten würde als das Buch, sondern eher mehr, das Bedürfnis, nach der Lektüre des Buches mir möglichst rasch den Film anzusehen. Warum? Ich glaube, es war vor allem der Wunsch, die Beziehung zwischen Vater und Sohn zu sehen, und dadurch vielleicht noch emotionaler von der Geschichte ergriffen zu werden. Und dafür lohnt es sich auch tatsächlich. Diese tiefe Liebe zwischen Vater und Sohn wird so greifbar realistisch (und zugleich unsentimental) dargestellt, dass ich durch den Film die literarische Vorlage eigentlich noch mehr schätze. Denn die Grundlage für die Darstellung der Charaktere hat Cormac McCarthy gelegt – die Dialoge sind häufig wortwörtlich dem Buch entnommen. Dem Regisseur und seinen Darstellern ist es gelungen, diese Grundlage überzeugend umzusetzen und mit Leben zu füllen.

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Book meets film, Film und TV abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Book meets film #1: The Road

  1. bullion schreibt:

    Toll, danke für die Vorstellung! Überhaupt eine neue tolle Kategorie 🙂

    Ich kenne bisher ja nur den Film, den ich wirklich exzellent (10 Punkte) fand. Die Atmosphäre fand ich (speziell als Vater) so erdrückend, dass ich nicht weiß, ob ich das Buch durchstehen würden — obwohl der Film deiner Beschreibung nach ja emotionaler sein soll. Inzwischen würde ich sogar den Film noch einmal schauen. Einfach sehr gut gespielt und inszeniert.

    • singendelehrerin schreibt:

      Ich wüsste eigentlich auch nicht recht, wo ich Punkte abziehen sollte bei dem Film. Trotzdem würde ich wohl eher zu 9 Punkten tendieren, weil ich 10 eigentlich fast nur an Filme vergebe, die mir so gut gefallen haben, dass ich sie mir sofort ein zweites Mal ansehen würde. 😉 „The Road“ würde zwar nicht auf meiner „Einmal und nie wieder“-Liste landen, aber sofort hätte ich jetzt auch nicht das Bedürfnis, ihn nochmal anzusehen.

      Ich glaube gern, dass der Film für einen Vater (oder auch eine Mutter) noch – wie du sagst – erdrückender wirkt. ich fände es schon heftig genug, wenn ich z. B. mit meiner Nichte in so einer Situation wäre, aber wenn es dein eigenes Kind ist, ist es sicher nochmal anders.

      Da der Film so gut ist, und auch die Atmosphäre so gut transportiert wird wie im Buch, finde ich tatsächlich, dass man das Buch nicht UNBEDINGT lesen muss. Auch wenn es nicht ganz so emotional geschrieben ist, es begleitet einen dann ja doch ein bisschen länger als der Film (auch wenn es ja relativ kurz ist).

      Ich bin jetzt grad am Überlegen, ob ich es mir antue „Filth“ von Irvine Welsh zu lesen. Ist bestimmt ähnlich an der Grenze zum Unerträglichen wie der gleichnamige Film. Würde mir die Gelegenheit geben, danach dann noch ein drittes Mal James McAvoys unglaubliche Performance anzusehen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s