True Detective: Season 1

Wie soll man eine ganze Staffel einer solch großartigen Serie in EINEM Artikel ausreichend würdigen? Wer meinen Blog verfolgt, weiß, dass ich häufiger Filme als Serien bespreche – das liegt daran, dass ich es viel schwieriger finde, eine Serie so zu besprechen, dass die Kritik aussagekräftig wird, aber trotzdem keine Spoiler enthält. Immerhin hat True Detective, Season 1, nur 8 Folgen, von daher wären beide Ansätze möglich: die Besprechung jeder einzelnen Folge und ein Überblick über die gesamte Serie. Was ich jetzt gemacht habe, ist irgendwie keins von beidem…

Worum geht es?

Die Geschichte wird im Grunde genommen in Rückblicken erzählt: in der Jetztzeit werden Martin „Marty‟ Hart (Woody Harrelson) und Rustin „Rust‟ Cohle (Matthew McConaughey) getrennt voneinander zunächst zu den Ereignissen im Jahre 1995 – dem Fall Dora Lange – befragt. Mit der Zeit wird aber deutlich, dass es den interviewenden Detectives hauptsächlich um Rusts Rolle dabei geht – und so wird dann das Jahr 2002 auch noch wichtig. Warum, wird dem Zuschauer lange vorenthalten und soll jetzt hier auch nicht genannt werden. Stück für Stück erfährt man von dem Mord an der Prostituierten Dora Lange, der sehr nach einem Serien-Ritualmord aussieht, und den Untersuchungen, die Marty und Rust 1995 führten. Zu welchem Ergebnis, werde ich auch nicht verraten. Das Ganze spielt in Louisiana, in einer Gegend, die eher verarmt wirkt, nicht zuletzt auch durch immer wiederkehrende Zerstörung durch Hurricanes (erwähnt werden Hurricane Andrew, 1992, Hurricane Rita und Katrina, beide 2005).

Wer sind die Hauptpersonen?

In der ersten Folge lernen wir Marty als scheinbar geradlinigen Detective mit einer hübschen Ehefrau (Michelle Monaghan) und zwei süßen Töchtern kennen. Rust dagegen, den die Kollegen „Tax-Man“ nennen und der aus Texas stammt, ist schwer zu fassen: er ist ein brillanter Ermittler, hat aber eine sehr pessimistische Sichtweise, mit der Marty gar nichts anfangen kann. Als Rust ihm so Dinge wie: „die Menschheit sollte ihre Programmierung umgehen und sich nicht mehr vermehren“ (sinngemäße Übersetzung), um die Ohren haut, bedauert es Marty zutiefst, dieses Gespräch mit Rust angefangen zu haben… Außerdem umgibt Rust eine Art Aura von Melancholie – man sieht ihn, glaube ich, in der gesamten Serie kein einziges Mal herzhaft lachen. Erst etwas später erfahrt man die Hintergründe dazu. In Folge 2 sagt eine Frau zu ihm: „You’re kinda strange. Like you might be dangerous.“

Was macht die Serie zu etwas Besonderem?

  • Das großartige Zusammenspiel von Bild und Ton:

Selten habe ich eine Serie erlebt, in der der Original Score und die verwendeten Original Songs so gut zu den Bildern, der Situation, der Gefühlslage, der Gegend passt. Schon der Themesong (das ganze Intro ist grandios: Bildkomposition und Lied) versetzt den Zuschauer in die richtige Stimmung: melancholisch, schwermütig – passend zu der eher deprimierenden Gegend in Louisiana, die hier von der Kamera eingefangen und in Szene gesetzt wird.

Der Score baut häufig eine latent bedrohliche Atmosphäre auf, ist aber nie zu sehr im Vordergrund. Zusammen mit der Kameraführung bei der Szene als Rust und Marty das erste Mal den Tatort inspizieren, lässt die Musik den Zuschauer angesichts dieser vom Mörder schon fast wie eine Skulptur inszenierten Leiche nahezu erschaudern – aber ohne krasse Schockmomente. Es beschleicht einen eher eine tiefe Unbehaglichkeit. Die ausgewählten Lieder passen oft exakt zur Szene, und zwar sowohl textlich, als auch vom „Ton“ her. Großartig z. B. eine Szene in Folge 2: man sieht eine verfallene, halb zugewucherte Kirche im Vordergrund, im Hintergrund die rauchenden Schlote eines Industriegebiets. Die beiden Detectives erkunden die Kirche, und dazu läuft „If I live, or if I die“. (Keine Spoiler-Gefahr: in dem YT-Video wird nur die Musik abgespielt, nicht die Szene dazu!)

Da sitzt du vor dem Fernseher und denkst: besser geht’s nicht! Verantwortlich für die Musik ist übrigens T Bone Burnett.

  • Die Schauspieler:

Woody Harrelson und Matthew McConaughey sind beide völlig zurecht für den Emmy nominiert – ich finde, sie haben sich beide selbst übertroffen! Da aber nur einer den Emmy mit nach Hause nehmen kann, wäre ich für McConaughey, der meines Erachtens hier noch besser ist als in Dallas Buyers Club, für den er den Oscar gewonnen hat. Ich möchte ihm zwar manchmal zurufen: „Open your f*cking mouth, so I can understand what you’re saying!“ Aber das passt natürlich auch einfach zu seiner Rolle. Es ist einfach faszinierend, ihm zuzusehen. Wie anstrengend muss es gewesen sein, diese Intensität aufrechtzuerhalten – unglaublich!

  • Writing/Directing:

Im Gegensatz zu den meisten Serien, bei denen es zwar einen „Creator“ gibt, der vielleicht bei den wichtigsten Folgen auch das Drehbuch schreibt und Regie führt, bei denen sich aber ansonsten Drehbuchschreiber und Regisseure abwechseln, gibt es nur einen Drehbuchautor (Nic Pizzolatto, der Schöpfer und ausführende Produzent der Serie) und einen Regisseur (Cary Fukunaga). Dadurch fühlen sich die 8 Folgen auch wirklich wie eine Einheit an. Noch dazu stammt der Autor aus Louisiana, sodass es kein Wunder ist, dass man das Gefühl hat, dass die Serie sehr authentisch ist, was die Leute und die Gegend anbelangt. Auch wenn man noch nie selbst dort gewesen ist.

Die Serie ist einfach (nahezu) perfekt: mein einziger Kritikpunkt – neben der zeitweiligen Unverständlichkeit des Texaners Rust – ist, dass der Bierbauch von Marty in der Gegenwart und seine Haare im Jahr 1995 nicht so ganz echt aussehen. Aber das ist wirklich Meckern auf allerhöchstem Niveau:

10 von 10 Punkten!

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10 Antworten zu True Detective: Season 1

  1. bullion schreibt:

    Oh, wie ich mich auf diese Serie freue! Die Blu-ray ist schon so gut wie vorbestellt. Habe schon so viel Positives gehört und nun auch noch dein Bericht. Ja, das wird ein Serienfest 🙂

  2. Nummer Neun schreibt:

    Völlig zu Recht! War bisher auch mein Serienhighlight des Jahres!

  3. Stepnwolf schreibt:

    Das dir als Musikspezialistin vor allem der Score auffällt, war klar. Ich fand aber auch die Bilder ungemein stimmig. Teilweise so speziell auf ‚alt‘ getrimmt, dann wieder intensiv. Und das Zusammenspiel von McConaughey und Harrelson ist einfach nur fantastisch.

    • singendelehrerin schreibt:

      Volle Zustimmung! Ich sage ja: besser geht’s nicht! Und das Tolle ist, dass gleich die erste Folge so reinhaut, dass du sofort „hooked“ bist. Bei einigen meiner All-time-favorites dauerte es ein paar Folgen (manchmal gar eine ganze Staffel), bis die Serie richtig gut war.

  4. kielerkrimskrams schreibt:

    Man, diese Serie sollte auch schnellstens mal in meinen DVD-Player wandern! Da hört man ja wirklich nur Gutes! 🙂

  5. Libertarian Anonymous schreibt:

    Bis jetzt eine tolle Serie, zweifellos.

    Die Serie hat allerdings ein gaaaaanz grosses Manko: Es handelt sich um eine Anthologie. D.h. in jeder Staffel – auch schon in der bald folgenden zweiten – wird es immer einen komplett neuen Cast und einen neuen Regisseur bzw. Regisseure geben. Das bedeutet aber auch, dass es wahrscheinlich kein Wiedersehen mit Matthew McConaughey und Woody Harrelson gibt, zumindest nicht als Hauptdarsteller. Denkbar wäre vielleicht, dass es es wie im Stephen King-Universum auch bei True Detectives gewisse wiederkehrende Charaktere und Orte gibt, aber ansonsten wird wohl jede Staffel in sich geschlossen sein.

    Deswegen muss in jeder Staffel die Handlung auch von der ersten Folge an „hooken“, nach paar Folgen wäre zu spät, dann ist sie ja schon vorbei. 😉

  6. Dexter Ward schreibt:

    Ich liebe diese Serie und werde sie sicher auch noch ein zweites Mal ansehen.

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