Carmina Burana: Auffrischungsproben #3 und die Konzerte

Da ich durch die Fußball-WM und andere (schulische und private) Termine das Schreiben etwas vernachlässigen musste, erfolgt nun eine Zusammenfassung der letzten Proben und der zwei Konzerte.

Die Proben:

Insgesamt haben die zusätzlichen Proben (ursprünglich waren wohl nur ein bis zwei Auffrischungssproben angedacht, nun waren es je zwei mit Julian Schulz und Olivier Tardy plus eine Orchesterprobe) schon für zusätzliche Sicherheit und Qualität gesorgt. Für mich war es insbesondere hilfreich, dass wir tatsächlich schon vor der Orchesterprobe auch mal die Stellen mit dem „Kinderchor‟ geübt haben. Zur Erklärung: Bei zwei Nummern hat Carl Orff für„Ragazzi‟ Noten geschrieben, also sollte normalerweise ein Knaben- oder Kinderchor mitsingen. Nun hatten wir aber weder in Stuttgart noch im Brunnenhof der Residenz Platz für einen Kinderchor, weswegen sich einige Damen aus dem Sopran melden sollten, die diese Parts übernehmen wollten. Die Singende Lehrerin wollte natürlich mit dabei sein! 😉 Vor der Aufführung in Stuttgart hatten wir das nie auch mal einzeln geprobt, was bei mir zur einer gewissen Unsicherheit geführt hatte, ob das eigentlich so passt, wie wir das singen. Es sind nun wahrlich keine besonders schwierigen Stellen, trotzdem möchte man ja wissen, ob man das zur Zufriedenheit des Dirigenten singt, zumal jede Einzelne ja viel mehr durch Fehler rausstechen kann, weil wir nur so ca. zehn Sängerinnen waren. Diesmal haben wir bei der zweiten Probe mit Julian Schulz dann doch einmal ganz alleine (die anderen Sänger waren schon in der Pause) die Stellen geübt, bei denen der Kinderchor wirklich komplett „solo‟ singt (15. „Amor volat undique‟; das Orchester hat jeweils bei den kurzen Einwürfen Pause) – und dann noch als letztes Stück bei der Orchesterprobe. Da hat uns dann Olivier Tardy explizit gelobt – das gibt natürlich Selbstvertrauen.

Ansonsten war es auch in den letzten Proben (vielleicht exklusive der Orchesterprobe) so, dass insgesamt die Männer mehr Kritik einstecken mussten, und sie manche Stellen (z. B. den Anfang von 3. „Fortune plango vulnera‟ oder den Einsatz bei 20. „Veni, veni, venias‟) sehr oft hintereinander üben mussten, bis dann alles gepasst hat. Aber man muss dazu sagen, dass sie a) weniger waren und b) auch mehr zu singen hatten als wir Frauen. Insbesondere „In taberna quando summus‟ fordert wirklich viel von den Männern (Text, Dynamik, Betonung) – dieses Stück hat alles, entsprechend beeindruckend ist es auch. Bin manchmal fast neidisch, dass wir Frauen da nicht mitsingen durften… Naja, eine sang ja mit. Wir hatten tatsächlich eine Frau, die Tenor gesungen hat! Vor zwei oder drei (Schul-)Jahren hatte ich mal eine Schülerin, die so einen Stimmumfang hatte, dass ich sie auch als Tenor einsetzen konnte. Sie hätte aber auch problemlos im Sopran mitsingen können – umwerfend!

Die Orchesterprobe mit den Münchnern Symphonikern ist immer etwas Besonderes. Ich habe das zwar inzwischen schon einige Male erlebt, aber es ist immer wieder spannend und faszinierend, aber auch anstrengend und – für mich als Laien-Querflötistin – auch ein bisschen frustrierend.

Warum frustrierend? Weil ich sehe und höre, was möglich gewesen wäre, wenn ich mehr geübt hätte. Nicht dass ich jemals ein Musikstudium angestrebt hätte, aber selbst für den privaten Gebrauch hat meine Fingerfertigkeit beim Flötespielen im Vergleich zu der Zeit, als ich als Schülerin im Schulorchester gespielt habe, so extrem abgebaut, dass mich fast jedes Mal, wenn ich die Querflötisten in einem Orchester beobachte (oder auch Ian Anderson spielen höre), ein Gefühl von Bedauern beschleicht. Trotzdem: Singen war für mich immer wichtiger. Allerdings hätte auch ich nie klassischen Gesang studieren wollen, weswegen ich zwar schon staune, wenn die Sopranistin zum dreigestrichenen d hinaufbrilliert (siehe Notenauszug), aber nicht wirklich neidisch werde.


Anstrengend ist es, weil man das Gefühl hat, noch viel mehr Power geben zu müssen, um „gegen‟ das Orchester anzukommen, oder – formulieren wir es positiver – mit dem Orchester mitzuhalten. Außerdem muss ich mich auch immer wieder aufs Neue auf unseren Gesang konzentrieren, obwohl ich doch so gerne die Musiker bei ihrem Spiel beobachte. Beruhigend ist dabei, dass der Dirigent Olivier Tardy auch das Orchester korrigieren muss. Allerdings fruchten seine Angaben doch wesentlich schneller, als beim Chor, das muss man den Profis von den Münchner Symphonikern dann schon lassen. Naja, einen Grund muss es ja geben, warum diese bei einem solchen etablierten Profi-Orchester mitspielen und wir nur ein Laien-Chor sind.

Apropos Laien: die Männer unseres Chores wurden dann doch noch von sechs Profis aus dem Opernchor verstärkt – der Unterschied war echt eklatant! Plötzlich mussten wir Frauen uns viel mehr anstrengen, um mit den Männern lautstärkemäßig mithalten zu können. Ich fand es aber trotzdem irgendwie schade, dass es „soweit kommen‟ musste. Irgendwie hätte es mir gefallen, wenn wir – als guter Laien-Chor – das ohne „professionelle Hilfe‟ geschafft hätten.

Die Konzerte (16. und 17.07.2014)

So sieht der Brunnenhof der Residenz in München aus:

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Ein tolles Ambiente – und durch die Mauern ringsum haben sich auch meine Befürchtungen, dass der Chorklang sich sozusagen in Luft auflöst, als unnötig herausgestellt. Im Gegenteil: am Ende von stimmgewaltigen Stellen hörte man den Klang noch nachhallen – so etwas erlebt man zwar in Kirchen, nicht aber in Konzerthallen. Toll!

Nachteil der Location: es war extrem eng auf der Bühne – für Chor und Orchester. So nah stand ich noch nie am Orchester – so laut habe ich auch die Trompeten, die vor mir saßen, noch nie gehört. Jetzt weiß ich auch, warum die Holzbläser, die vor den Blechbläsern sitzen, nicht nur eine Abschirmung hinter ihren Köpfen haben, sondern auch Gehörschutz in den Ohren haben. Und ich stand gar nicht mal in der ersten, sondern in der zweiten Reihe. Das war allerdings am Anfang des ersten Konzertes auch ein Problem. Bei „O Fortuna‟ sang ich nicht ganz mit voller Kraft, weil ich kaum in meine Noten sehen konnte, bzw. kaum umblättern konnte, weil die Dame vor mir so nah an mir stand. Nach dem ersten Stück habe ich sie dann sanft etwas nach vorne geschoben, dann ging es besser und ich konnte mich voll aufs Singen konzentrieren.

Dem Dirigenten Olivier Tardy sieht man eigentlich immer recht genau an, ob er zufrieden ist, und so war ich nach dem ersten Konzert etwas unsicher, denn in Richtung der Damen hat er selten zu verstehen gegeben, dass es gut war, was wir taten, während er die Männer ein paar Mal gelobt hat. Doch vielleicht lag es auch daran, dass das Orchester nicht immer seinen Weisungen gefolgt hat, denn vor dem zweiten Konzert wurde uns gesagt, dass Tardy mit der Leistung des Chors zufrieden gewesen sei, und dass nur die Frauen noch ein bisschen mehr Power geben sollten. Mir war zwar nicht ganz klar, wie ich persönlich NOCH mehr hätte geben können, aber ich habe es versucht. Beim zweiten Konzert war ich viel lockerer, da ich von vornherein ganz gut Platz für meine Noten hatte. Interessanterweise heißt „lockerer‟ aber gleichzeitig, dass meine Körperspannung von Anfang an besser war. Monsieur Tardy schien auch deutlich lockerer – und diesmal hat er dem Chor am Ende auch sichtbar applaudiert und sogar den Blumenstrauß, den er überreicht bekommen hatte, an den Chor weitergereicht. Eine Dame im Alt hat ihn dann mit nach Hause genommen (den Strauß).

Ein paar Beobachtungen am Rande:

  • Beim Einsingen habe ich eine Sängerin beobachtet, die den Mund wirklich kaum geöffnet hat, auch – und gerade – bei Übungen, bei denen man mit fast geschlossenem Mund unmöglich Klang erzeugen kann. Verstehe ich nicht. Ich kenne das von meinen Schülerinnen ja auch, aber die haben auch noch nicht so lange Erfahrung im Singen. In diesem Projektchor bringen jedoch die meisten jahrelange Chorerfahrung mit – es ist mir ein Rätsel, wie man sich so der richtigen Technik verschließen kann! Ich habe in den letzten drei Jahren, also seit meiner ersten Teilnahme an dem Projektchor (2011: Herr der Ringe: Die Rückkehr des Königs – Live to Projection), so viel dazugelernt und meine Stimme dadurch weiterentwickelt; irgendwie geht es mir nicht in den Kopf, warum das manche nicht annehmen.
  • Es herrscht zwischen den Profi-Musikern und den Laien-Sängern wirklich eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Erneutes Beispiel: für die Symphoniker waren auf einem Tisch im Backstage-Bereich Wasserflaschen und Becher bereit gestellt (ich denke, vom Orchester-Management), ein Schild „Für die Musiker‟ wies darauf hin. Manche Mitglieder unseres Chores haben sich auch als Musiker gefühlt und sich ebenfalls dort bedient. Dabei habe ich miterlebt, wie eine Sängerin von einer Musikerin angefahren worden ist, dass das nur für das Orchester ist; wütend hat diese Musikerin dann noch darauf hingewiesen, dass nur noch so wenig Wasser übrig ist, weil sich der Chor unerlaubt davon bedient hatte. Am nächsten Abend war die Sprache auf dem Hinweisschild wohl noch deutlicher, wie mir eine Mitsängerin erzählt hat (ich selbst habe nicht darauf geachtet) – vom Ton her in diese Richtung: „Hände weg, wenn ihr nicht vom Orchester seid!‟ Der Veranstalter hat aber es nicht für nötig befunden, auch für den Chor Wasser zur Verfügung zu stellen. Das finde ich schon sehr arm. Wir machen das sowieso zum Nulltarif (von den „großzügigen‟ 10% Ermäßigung auf Eintrittskarten haben wir ja auch selbst nichts) – könnte man nicht mal ein paar Flaschen Wasser locker machen?
  • Olivier Tardy ist ein Dirigent nach meinem Geschmack. Er dirigiert sehr transparent, mit einer einfach erkennbaren Eins (und wenn der Chor singt, dirigiert er ohnehin sehr genau jeden Taktschlag), klaren Einsätzen für den Chor, und bei wichtigen Stellen (z. B. bei einer Zäsur oder einem Ritardando) „spricht‟ er auch mal mit. Nun weiß ich nicht, ob er sich da für einen Laien-Chor mehr ins Zeug legt, als er es für Profis tun müsste, aber ich war sehr dankbar dafür, weil er uns sehr damit geholfen hat. Außerdem ist es auch ganz unterhaltsam ihm zuzusehen, egal, ob man gerade singt oder man mal nicht singen muss. Er passt sein Dirigat schon sehr an die jeweilige Stimmung des Stückes an, was durchaus einen Unterhaltungswert hat. So hat er beispielsweise bei dem Stück „Chramer gip die varve mir‟ bei „Seht mich an, jungen Mann, lat mich iu gevallen‟ beim „jungen Mann‟ auf sich gezeigt, um uns Frauen „in Stimmung‟ zu versetzen.
  • Auch wenn es nicht sehr originell ist: am meisten geht mir dann doch „O Fortuna‟ unter die Haut – spätestens ab der Stelle, als es nach den leisen, fast geflüsterten Stellen („semper crescis‟ etc.) wieder laut wird. Ich habe ja schon davon berichtet, wie ich mich da selbst in eine Art Rausch singe – das ist mit Orchester dann tatsächlich nochmal intensiver. Wenn sich dann der Sopran ab „hac in hora‟ nochmal teilt (ich singe Sopran 2), bekam ich bei beiden Konzerten eine Wahnsinns-Gänsehaut und ich schätze, es wurden jede Menge Endorphine ausgeschüttet.

„Carmina Burana‟ ist sicherlich eins der am häufigsten aufgeführten Werke in München – trotzdem würde ich sofort wieder mitsingen!

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2 Antworten zu Carmina Burana: Auffrischungsproben #3 und die Konzerte

  1. Nummer Neun schreibt:

    Sehr schöne Location!

  2. bullion schreibt:

    Ich war von Freitag bis Sonntag in München, habe das Konzert also (rein zeitlich gesehen) knapp verpasst. Klingt aber auf jeden Fall toll und die Location ist natürlich ein Traum! 🙂

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