The Grand Seduction (Die große Versuchung – Lügen bis der Arzt kommt; Don McKellar, Kanada 2013)

Das war wieder einer dieser Momente in der Sneak Preview, die typisch sind für kleinere Produktionen: die Namen von völlig unbekannten Produktionsfirmen und x verschiedenen Verleihfirmen werden in den Opening Credits gezeigt, sodass das Publikum schon mal lachen muss, weil man mal wieder gar nicht weiß, was da auf einen zukommt.

Dann zumindest ein paar bekannte Schauspielernamen: Brendan Gleeson und Taylor Kitsch. Fälschlicherweise habe ich wegen Gleeson dann gleich mal angenommen, dass der Film in Irland spielt – und die Location hätte durchaus dazu gepasst: kleines Fischerdorf (Einwohnerzahl: 120), Hügel, Klippen, pittoresk verfallende Häuser inklusive. Nur mit dem Akzent bin ich nicht klar gekommen – das ist doch kein irisch? Nein, denn die Geschichte spielt in Neufundland (wie ich dann am Schluss dem Abspann entnehmen konnte), es handelt sich (wie ich gerade herausgefunden habe) um ein kanadisches englischsprachiges Remake eines kanadischen französischsprachigen Filmes von 2004. Klingt komisch – is‘ aber so!

Man muss die Geschichte als eine Art Märchen sehen: Das Dorf – nein, es muss „harbor“ (Hafen) genannt werden – Tickle Cove braucht dringend einen niedergelassenen Arzt (mindestens für fünf Jahre), um als Standort für eine Ölwiederaufbereitungsanlage in Frage zu kommen, die dringend als nötig wäre, um den Männern (und Frauen) im Hafen wieder Arbeit zu geben, da das Meer überfischt ist und es so gut wie keine Fische mehr um die Insel herum gibt. Nur, wer will schon in dieses gottverlassene Kaff ziehen, das fernab vom Schuss ist? Ja, die Landschaft ist hübsch, aber sonst hat der Ort nicht viel zu bieten.

Welch Glück, dass der ehemalige Bürgermeister – inzwischen „in die Stadt“ (welche, wird nie genannt) gezogen und am Flughafen arbeitend – einen jungen Arzt (Taylor Kitsch) filzt und bei ihm Kokain findet. Da wird schnell ein Handel abgeschlossen: Dr. Lewis geht für einen Monat nach Tickle Cove, dafür wird das Kokain unter den Teppich gekehrt. Die Aufgabe des neuen Bürgermeisters Murray (Brendan Gleeson) und der ganzen Gemeinde ist es nun, den Doktor zu „verführen“, sodass er länger als nur einen Monat bleibt, nämlich fünf Jahre. Erste Aufgabe: Cricket lernen! Denn der gute Doktor ist leidenschaftlicher Cricket-Fan und -Spieler. Großartige Szenen spielen sich ab, wenn die Fischer mithilfe des Internets versuchen Cricket zu lernen, wenn auf einer Klippe ein Cricketfeld „errichtet“ wird und die Frauen aus allem, das nur annähernd weiß ist – Bettdecken, Gardinen, Unterwäsche -, Cricket-Uniformen nähen…

Gut, dass Dr. Lewis unglaublich gutgläubig ist und er kein bisschen stutzig wird – selbst wenn er JEDEN Abend auf dem Heimweg vom Pub an der selben Stelle einen Geldschein findet! Deswegen sage ich: es ist letztlich ein Märchen. Es gibt sehr viele äußerst lustige Situationen, unter anderem die wohl witzigste Abfuhr, die ich je gesehen habe. Es gibt nämlich im Dorf, äh: Hafen, EINE gut aussehende JUNGE Frau (Liane Balaban, Sams Freundin Amelia in Season 8 von Supernatural) – und die soll sich eigentlich an den hübschen Doc ranmachen, was sie aber ablehnt. Und selbst als sich der Doc an sie „ranmacht“, bleibt sie unerbittlich – schließlich hat er eine Freundin irgendwo zu Hause…

Murray hat übrigens auch noch eine ganz persönliche Motivation, den Deal mit der Fabrik abzuschließen – seine Frau ist nämlich in die Stadt gezogen, um dort in einer Müllsortierungsanlage zu arbeiten. So setzt er alles daran, sowohl für sich als auch für seine Frau in Tickle Cove Arbeitsplätze zu schaffen, damit sie zu ihm zurückkehrt.

Natürlich, wie es bei solchen Komödien üblich ist, erfährt Dr. Lewis am Ende, dass ihn alle nur belogen und ihm etwas vorgespielt haben, um den Fabrikstandort zu bekommen. Und, wie üblich in Märchen, leben sie am Ende „glücklich bis ans Ende ihrer Tage“ (oder so). Von daher ist der Ausgang sicher vorhersehbar und der Film bestimmt kein filmisches Meisterwerk (auch wenn ich die Aufnahmen des Hafens ausnehmend schön fand – da wäre ich auch gerne mit dem Fotoapparat unterwegs), aber ich habe mich bestens unterhalten gefühlt – was will man mehr nachts um halb 12?!

7 von 10 Punkten.

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3 Antworten zu The Grand Seduction (Die große Versuchung – Lügen bis der Arzt kommt; Don McKellar, Kanada 2013)

  1. Libertarian Anonymous schreibt:

    Ich habe ja auch mit „gut“ abgestimmt, aber im Nachhinein würde ich dem Film nur noch ein „Mittel“ geben. Denn trotz aller Unterhaltung – die Handlung ist nun nicht gerade bahnbrechend originell. Fast die gleiche Story (allerdings ein anderes Setting) hat beispielsweise „Doc Hollywood“ mit Michael J. Fox: http://de.wikipedia.org/wiki/Doc_Hollywood

    • singendelehrerin schreibt:

      Ja, ich bin auch grad am Überlegen, ob 6 Punkte nicht besser passen, wenn man ihn mit anderen Filmen vergleicht. Aber in der Momentaufnahme hat er einfach Spaß gemacht.

  2. maximahls schreibt:

    Klingt nach ’nem Film für einen spaßigen DVD Abend. Ist gemerkt! 🙂

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