Boyhood (Richard Linklater, USA 2014)

Irgendwie schien mir dieser Film der richtige zu sein, um meinen Geburtstag zu begehen: Wie im Zeitraffer erlebt der Kinozuschauer 12 Lebensjahre des Jungen Mason (Ellar Coltrane), begleitet von seiner Schwester Samantha (Lorelei Linklater), seiner Mutter (Patricia Arquette) und seinem getrennt von der Familie lebenden Vater (Ethan Hawke).

Das Konzept ist einzigartig: von 2002 bis 2013 haben sich Filmteam und Schauspieler jedes Jahr für ein paar Tage getroffen, um an dem Film zu drehen, und so erlebt man das erste Mal authentisches Erwachsenwerden und Altern im Film. In Serien haben wir das Aufwachsen von Kindern ja schon des öfteren miterlebt (Bill Cosby Show, Hör mal, wer da hämmert, u. a.), aber in Filmen mussten bisher immer unterschiedliche Schauspieler eingesetzt werden, wenn eine Geschichte erzählt wurde, die mehrere Jahre umfasste, insbesondere wenn Kinder beteiligt waren (z. B. bei Atonement/Abbitte).  

Mason ist ein normaler Junge, eher künstlerisch als sportlich interessiert, der familiär gesehen, einiges durchmacht, das aber in unserer heutigen Zeit auch schon wieder ein Stück Normalität ist: Scheidung der Eltern (vor Beginn des Zeitraumes, in dem der Film spielt), Patchworkfamilie, weitere Scheidung / Trennung von den „Patchwork-Geschwistern“, Umzüge, neuer Stiefvater, erneute Trennung…

Was für mich dem Ganzen eine besondere Authentizität verleiht, ist, dass all diese Familienprobleme gerade nicht dazu führen, dass Mason auf die schiefe Bahn gerät. Er muss sich zwar, auf Grund der Umzüge, immer wieder neue Freunde suchen, und nicht alle sind auf den ersten Blick perfekt, aber er kommt ohne größere Schwierigkeiten durch die Schule – obwohl er mit seiner Leidenschaft fürs Fotografieren sicher nicht ganz Mainstream ist. Es geht aber ohnehin mehr darum, wie sich Mason innerhalb seiner Familie entwickelt, wir erfahren weniger über sein Leben in der Schule. Aber die (Patchwork-)Familie gibt auch genügend Stoff her: Mason erlebt z. B. mit, wie sein alkoholsüchtiger Stiefvater am Essenstisch ausflippt und mit Gläsern um sich wirft (eine wirklich bedrohliche Situation), hat aber das große Glück, dass seine Mutter, die zwar leider kein gutes Händchen bei der Auswahl ihrer Partner hat, im Zweifelsfall immer auf der Seite ihrer Kinder steht. Der leibliche Vater ist auch für seine Kinder da, wird im Laufe der Jahre immer verlässlicher, vernünftiger.

Ellar Coltranes Verwandlung vom süßen 6-Jährigen zum bärtigen 17-18-Jährigen in gut 2 1/2 Stunden mitzuerleben, ist ein ganz besonderes Erlebnis. Der Wandel der Frisuren, die Veränderung der Gesichtszüge – Pickel und Bartwuchs inklusive – und der Stimme, der Lebensanschauung… das alles im Schnelldurchlauf zu erleben, gibt dir zum einen das Gefühl, „dabeigewesen“ zu sein, und zum anderen lädt es dazu ein, entweder auf seine eigene Kindheit oder die von eigenen Kindern oder – wie bei mir – Neffen und Nichten zurückzublicken. Man kennt ja das Phänomen, dass den eigenen Eltern die Entwicklungsschübe gar nicht so auffallen, weil sie ihre Kinder täglich sehen – hier nimmt man sie ganz bewusst wahr. Und das ist spannend! Noch dazu hatte Linklater ein extrem gutes Händchen beim Casting. Ellar Coltrane hat sich über die Jahre richtig gut entwickelt und wurde schauspielerisch immer besser. Hätte ja auch sein können, dass der Junge irgendwann die Lust an diesem Projekt verliert. Dasselbe gilt übrigens für Linklaters Tochter Lorelei, die Masons große Schwester spielt. Sie hat eine ihrer besten Szenen gleich ziemlich am Anfang, als sie Mason ein Lied von Britney Spears vorsingt und ihn damit eigentlich nur nerven will. Als die Mutter reinkommt, bricht sie in (falsche) Tränen aus und beschuldigt ihren kleinen Bruder, dass er mit Gegenständen nach ihm wirft. Herrlich typisch!

Auch Patricia Arquette und Ethan Hawke sind glaubwürdige Eltern. Mir hat insbesondere gefallen, dass Patricia Arquette – so hübsch sie ist – eine ganz normale Figur hat, am Anfang etwas schlanker, dann etwas runder (nach der Geburt ihrer Tochter 2003), dabei immer attraktiv mit weiblichen Formen, aber eben weit vom Hollywood-Klischee entfernt.

Es gibt viele tolle Dialoge in dem Film, die ich mir – bei 162 Minuten Laufzeit –  nicht alle gemerkt habe. Was ich sehr witzig fand, war der abschließende Rat einer Lehrerin von Mason, bevor dieser die High School verließ: „Don’t forget to floss!“ Den muss ich meinen Schülern UNBEDINGT bei der Abschlussfeier mitgeben… 😉

Wer übrigens nach Filmmusik im Sinne eines unterlegten Scores sucht, der wird nicht fündig werden, was weiterhin dazu beiträgt, dass man eher das Gefühl hat, man ist einfach als Beobachter im Leben dieser Menschen dabei.

Fazit: Ein wirklich außergewöhnlicher Film! 8 von 10 Punkten!

 

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13 Antworten zu Boyhood (Richard Linklater, USA 2014)

  1. oldboyrap schreibt:

    Geb ich mir am Dienstag im Kino. Er ist besser gut, nur wegen dem Film fahr ich erstmal ne Dreiviertelstunde 😛

  2. mwj schreibt:

    Ich muss meine Freundin noch überreden, dass sie mit mir ins etwas weiter entfernte Programmkino am Donnerstag fährt, u den Film zu sehen. 🙂

    • singendelehrerin schreibt:

      Dann mach ihr das mal schmackhaft – vielleicht mit einem romantischen Essen vorher? 😉

      • mwj schreibt:

        Naja, einladen werde ich sie auf jeden Fall. Außerdem hat sie nächste Woche – im Gegensatz zu mir – Urlaub und daher wäre das Ende der Vorstellung gegen 23 Uhr kein Problem.
        Aber schön dass du auch Tipps gibst. Stammen die aus eigener Erfahrung mit dem Mann/Freund? 🙂

      • singendelehrerin schreibt:

        Nun, ich habe es tatsächlich geschafft, mir einen Freund „anzuschaffen“, der GAR nicht ins Kino geht… Von daher: nein, keine eigenen Erfahrungen. 😉

  3. bullion schreibt:

    Auf den Film freue ich mich, wie kaum auf einen zweiten. Bereits die „Before…“-Filme Linklaters fand ich großartig und dieses Projekt hier klingt so toll! Hach!

  4. mwj schreibt:

    „Before Midnight“ kann ich nur empfehlen:
    http://www.kino.vieraugen.com/kino/before-midnight/

  5. mwj schreibt:

    So, gestern Abend haben wir den Film auch gesehen. Sehr schön war’s. Eine ausführliche Kritik folgt die nächsten Tage.

    • mwj schreibt:

      Endlich habe ich es geschafft, meine Kritik fertig zu kriegen:
      http://www.kino.vieraugen.com/kino/boyhood/

      • singendelehrerin schreibt:

        Sehr schön! 🙂 Wollte auch erst 9 Punkte geben, und bin auch immer wieder im Zweifel, ob die 8 nicht zu wenig waren. Ich hatte auf jeden Fall auch das Gefühl: Jetzt wüsste ich aber auch gerne, wie es mit ihm weitergeht!

        Die Obama-Wahlkampf-Szene fand ich auch klasse; und dann als Kontrast dazu die Episode, in der Mason ein Gewehr geschenkt bekommt und er und seine Schwester Schießen üben: das ist halt Texas! 😉

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