X-Men: Days of Future Past 3D (Bryan Singer, USA/UK 2014) – ausführliche Kritik

Es gibt so Filme, da kommt man aus dem Kino  – und möchte direkt und sofort den Film ein weiteres Mal ansehen. Direkt im Anschluss habe ich das noch nie getan, und bei X-Men: Days of Future Past ging das auch gar nicht, weil ich ihn das erste Mal in der Spätvorstellung gesehen hatte.  Aber ich habe ihn fünf Tage später ein zweites Mal genossen – und er hat tatsächlich kaum nachgelassen. Und so kann ich nach meiner Kurzkritik noch mit einer etwas ausführlicheren Kritik aufwarten, die allerdings NICHT SPOILERFREI ist.

Die Figuren und ihre Darsteller:

  • Hugh Jackman verkörpert zum sechsten Mal (den Cameo-Auftritt aus X-Men: First Class nicht mitgerechnet) Logan/Wolverine – und tut dies, wie immer, so überzeugend, dass Jackman völlig in der Rolle aufgeht. Schon bei The Wolverine ist mir aufgefallen, welch enorme Muskeln er für diese Rolle aufgebaut hat – impressive! In aller Pracht sind diese Muskeln in der Szene zu sehen, als sein „altes“ Bewusstsein im Körper seines jüngeren Ich im Jahre 1973 aufwacht und er nackt zum Spiegel geht („full-backal nudity“). Logan hat die meisten „funny lines“, aber muss auch einiges einstecken. SPOILER: Als Magneto ihm gegen Ende Eisenstangen in den Körper fahren lässt, waren Wolverines Schmerzen förmlich auch für mich als Zuschauer spürbar.
  • Auch wenn Wolverine oft als zentraler Charakter der X-Men-Reihe bezeichnet wird: für mich ist in diesem Film Charles Xavier / Professor X das Herzstück, da er die größte Entwicklung durchmacht. Charles im Jahre 1973 (gespielt von James McAvoy) scheint seit den Ereignissen bei der „Kuba-Krise“ alles verloren zu haben: seine Beine, seine Freundschaft zu Erik/Magneto und Raven, die zu Mystique geworden ist. SPOILER: Mit Hilfe des Serums, das Hank verwendet, um sein „Beast“ unter Kontrolle zu halten, bekämpft Charles seine Schmerzen und hebt die Lähmung der Beine auf. So ist Logan ganz überrascht, als er Charles die Treppe runtergehen sieht. Tolle Sache, aber mit zwei Nebenwirkungen: Charles ist abhängig von dem Mittel und es führt dazu, dass seine mentalen Kräfte unterdrückt werden. Ein wahnsinnig emotionaler Moment war für mich, als er sich entscheidet, das Serum abzusetzen und damit seine Beine zugunsten seiner mentalen Fähigkeiten opfert. Die wohl ergreifendste Szene ist das Zwiegespräch (über den Umweg durch Logans Gehirn) zwischen dem jungen Charles und dem alten Professor X. Es ist einfach fantastisch, den großen Patrick Stewart und den ihm in nichts nachstehenden James McAvoy zusammen zu erleben!

Young Charles: I’m not the man I was. I open my mind and it almost overwhelms me.

Old Charles: You’re afraid, and Cerebro knows it.

Young Charles: In all those voices…so much pain.

Old Charles: It’s not their pain you’re afraid of — it’s yours. And frightening as it can be their pain will make you stronger if you allow yourself to feel it. Embrace it. It will make you more powerful than you ever imagined. It’s the greatest gift we have that can bear pain without breaking, and it’s born from the most human power: Hope. Please Charles, we need you to hope again.

  •  Erik/Magneto sitzt 1973 in einem Hochsicherheitstrakt (ohne Metall) unter dem Pentagon ein – SPOILER: er hat angeblich JFK erschossen (wie sonst lässt sich die Kurve erklären, die die Kugel geflogen ist?). Tatsächlich aber hat er versucht JFK zu retten, weil dieser auch ein Mutant war! Ah, endlich wurde das Attentat auf JFK aufgeklärt! Michael Fassbender ist die perfekte Besetzung für Ian McKellens jüngere Ausgabe – man nimmt ihm absolut ab, dass er für seine – im Prinzip ja gerechtfertigten – Ziele alle Mittel einsetzt und notfalls dafür auch SPOILER: Raven/Mystique opfern will, um zu vermeiden, dass eine Zukunft entseht, in der alle Mutanten vernichtet werden. Trotz der Härte, der er nach außen ausstrahlt, spürt man auch immer noch den guten Kern, den er eigentlich in sich trägt.

Weitere Figuren in der Zeitebene von 1973:

  • Hank/Beast: Nicholas Hoult spielt recht subtil, ohne großen Gesten, was wunderbar passt. Herzzerreißend fand ich die Szene SPOILER: als er von Magneto in Paris vor Augen der Menschenmenge im Brunnen „aufgehängt“ wird und von allen begafft wird. Das war so erniedrigend!
  • Raven/Mystique: Ein kleiner Schwachpunkt des Films: Jennifer Lawrence bleibt hier etwas „blass“, vielleicht gerade weil die häufig in ihrer wahren Form in blau zu sehen ist. Eigentlich ist sie ja die entscheidende Figur, da sie sozusagen daran Schuld ist, dass das Sentinel-Programm des Wissenschaftlers Dr. Trask so überaus effektiv wird, dass im Jahre 2023 die Mutanten vor der Auslöschung stehen. Aber diese Schlüsselrolle kann sie irgendwie nicht so recht ausspielen, was aber m. E. nicht an ihren Schauspielkünsten liegt, die sie ja schon zuhauf bewiesen hat.
  • Peter/Quicksilver: Diesem Charakter gehört eine der besten und witzigsten Szenen in diesem Film (wenn nicht im ganzen Marvel-Universum), als man einmal sieht, was dieser Quicksilver so alles innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde schafft. Leider war das Publikum in beiden Vorstellungen zu lahm – in amerikanischen Kinosälen gibt es nach dieser Szene bestimmt Szenenapplaus! Toller Charakter, mit viel Witz von Evan Peters dargestellt.
  • Dr. Bolivar Trask: Peter Dinklage ist mir das erste Mal 2007 in Death at a funeral (Sterben für Anfänger) aufgefallen, und ab da wusste ich, was er drauf hat. Seine überaus erfolgreiche Besetzung als Tyrion Lannister in Game of Thrones hat bestimmt mit dazu beigetragen, dass er hier den Bösewicht spielen darf, der ja im Grunde genommen auch ein hehres Ziel hat: die Menschheit soll durch den Kampf gegen die Mutanten endlich vereint werden. Kein Bösewicht, vor dem man sich direkt fürchtet, aber halt einer dieser Wissenschaftler, die übers Ziel hinausschießen. Sein „Sidekick“ Major Bill Stryker (Josh Helman) bleibt uninteressant, obwohl diese Figur ja für Wolverine nochmal wichtig „wird“ (aus Sicht von 1973).

Charaktere (nur) in der Zeitebene von 2023:

Prinzipiell werden diese Charaktere nicht wirklich eingeführt – sie steigen ja sofort in die Action ein und kämpfen ums Überleben. Deswegen nenne ich sie hier nur. Aber obwohl man sie nicht richtig kennenlernt (wenn man sie nicht schon kennt), fiebert man in diesen dramatischen Kampfszenen mit ihnen mit.

  • Kitty Pryde: Ellen Page
  • Bobby / Iceman: Shawn Ashmore
  • Storm: Halle Berry
  • Blink: Bingbing Fan
  • Bishop: Omar Sy
  • Colossus: Daniel Cudmore
  • Sunspot: Adan Canto
  • Warpath: Booboo Stewart

 

Die emotionalsten Szenen:

  • Charles entscheidet sich gegen seine Beine
  • Charles‘ erster Versuch, Raven mit dem Cerebro zu finden
  • Zwiegespräch junger und alter Charles
  • Die X-Men 2023 SPOILER: werden nach und nach von den Sentinels dahingemetzelt, was mich auch beim zweiten Mal Sehen noch mitgenommen hat, obwohl ich wusste, wie es ausgeht!

Szenen, bei denen sich das 3D lohnt:

  • Quicksilver lässt das Glasdach zerbersten
  • Regen (Sprinkleranlage)
  • DIE Quicksilver-Szene (s. o. beim Charakter)

Look:

  • 70er-Jahre sehr authentisch
  • 70er-Jahre Klamotten sehr stylish
  • Einflechten von pseudo Dokumentaraufnahmen gelungen
  • sehr guter Schnitt
  • Nixon: wie wiederauferstanden!
  • Special Effects X-Men und Sentinels überzeugend

Sound:

  • Soundtrack sehr passend, insbesondere bei Magneto-Szenen sehr eindrücklich, ohne jedoch zu erdrücken

Plot:

  • Ist alles vorherbestimmt oder können wir die Zukunft beeinflussen?
  • Heiligt der Zweck die Mittel?
  • Wie viel kann man vergeben?
  • Gibt es Menschen, die wahrhaft „verloren“ sind – oder hat jeder eine zweite Chance verdient?
  • Was ist man bereit aufzugeben für das „greater good“?

Wenn man will, kann man sich auf diese im Film aufgeworfenen Fragen einlassen. Oder man lehnt sich zurück und lässt sich von der Spannung gefangen nehmen, der Spannung, die durch die Actionszenen entsteht, aber auch der Spannung, die zwischen den Charakteren herrscht, insbesondere zwischen Charles und Erik, aber auch Charles und Raven und Erik und Raven.

 

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2 Antworten zu X-Men: Days of Future Past 3D (Bryan Singer, USA/UK 2014) – ausführliche Kritik

  1. oldboyrap schreibt:

    Wie schon öfter gesehen, bisher nicht gesehen und plane nicht auch nicht so bald, da ich bisher nur die ersten 3 gesehen hab und die echt bescheiden fand.

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