Gladiator – Live to Projection: das Konzert (20.04.2014)

Heute habe ich mir also anschauen können, was ich eigentlich aus einem anderen Blickwinkel – nämlich von der Bühne aus – hätte erleben wollen: Gladiator – Live to Projection in der Philharmonie in München. (Zum Verlauf der Proben und dem „Rauswurf“ unseres Chores bitte in der Kategorie „Singen“ nachlesen oder „Gladiator“ in der Blog-eigenen Suche eingeben.)

Emotional war es auf jeden Fall eine Achterbahnfahrt: Als das Thema zum ersten Mal erklang und der Chor miteinsetzte, kamen mir das erste Mal die Tränen. Man hatte uns ja vor der ersten Probe mit dem Orchester durch den Chor aus Prag (ca. 90 Personen) ersetzt, und so habe ich dieses erhebende Gefühl, wenn du das erste Mal mit dem Orchester zusammen singst, nicht erleben dürfen. Dieser Verlust kam eigentlich an jeder Stelle, an der das Hauptthema gesungen wurde, hoch und hat dann doch mehr weh getan als ich erwartet hatte. Ich habe zwar beim Thema einfach vom Platz aus mitgesungen, aber an ein paar Stellen im Film wird das ganze vom Sopran dann in der Wiederholung dann eine Oktave höher gesungen, und ab dieser Stelle habe ich mich jeweils nicht mehr getraut mitzusingen (das wäre dann doch für die Leute um mich herum hörbar gewesen); statt dessen habe ich dann immer mit den Tränen kämpfen müssen.

Dazu kommt, dass mich der Film an sich wieder extrem mitgenommen hat – am Ende habe ich wieder richtig geheult. Ich hatte den Film schon seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen, und er hat mich wieder so berührt, als sähe ich ihn zum ersten Mal. Natürlich hat auch hier die Musik, an dieser Stelle insbesondere der Gesang von Lisa Gerrard, eine wichtige Rolle gespielt. Aber auch von der Musik abgesehen, gehört dieser Film für mich zu denjenigen, die mir jedesmal unter die Haut gehen. Es gibt nicht viele Filme, bei denen ich den ganzen Abspann brauche, um mich wieder soweit zu beruhigen, dass ich unter die Leute gehen kann… Wer hier ab und zu meine Filmkritiken liest, weiß, wie oft ich bemängele, dass mich ein Film nicht wirklich berührt hat. Nun, dieser tut es – immer wieder.

Doch nun zur Musik:

Die Abmischung (Lisa Gerrard und der Chor hatten Mikrofone) war nicht sehr gelungen. Lisa Gerrard war, besonders im ersten Teil vor der Pause, manchmal deutlich zu laut, während der Chor an manchen Stellen so gut wie gar nicht zu hören war – trotz der Größe des Chores und der fünf oder sechs Chormikrofone. Besonders bei den Männer-Parts, bei denen sehr tiefe Töne sehr lang ausgehalten werden mussten, habe ich vergeblich versucht, irgendetwas zu hören. Man hat quasi nur an den offenen Mündern gemerkt, dass offenbar gerade gesungen wurde. Dass das jetzt mit dem großen Chor genauso wenig hörbar war, wie wir uns das schon mit unserem kleinen vorgestellt hatten, lässt allerdings vielleicht auch ein bisschen daran zweifeln, ob Hans Zimmer das für dieses Live-Projekt nochmal richtig durchdacht hat. Es wird ja für diese Live-to-Projection-Aufführungen auch manchmal noch zusätzliches Material für den Chor eingefügt oder es werden Stellen verändert (so war die Musik für den Abspann heute z. B. länger, weil am Ende noch Fotos von den Dreharbeiten gezeigt wurden). Vielleicht wäre es sinnvoll gewesen, diese extrem tiefen Stellen der Männer höher zu setzen. Oder man hätte halt die Mikrofone irgendwie noch besser eingestellt.

Wobei ich von dem Sound, den der Chor durch die Verstärkung über die Mikrofone bekommen hat, auch nicht so ganz überzeugt war. Sicher, bei der bombastischen Musik des Orchesters wäre es nicht ohne gegangen, aber manchmal hatte ich den Eindruck, dass der Chor etwas „blechern“ klang. Aber „leider“ kann ich ansonsten nichts meckern, was die Performance des Chors anbelangt. Die Sängerinnen und Sänger waren durch die Bank recht jung und sangen engagiert. Was ich sehr schade fand, war, dass gerade die Stelle, mit der wir so unsere Probleme hatten, weil sie rhythmisch so schwierig war, im Gesamtklang ziemlich untergegangen ist. Da frag ich mich dann schon, ob das nicht besser hätte abgestimmt werden können. Bei Final Fantasy hat man, wie die Aufnahmen davon zeigen, den Chor viel besser gehört, finde ich. Und da waren wir deutlich weniger!

Aber man muss auch festhalten, dass das Orchester zum Teil wirklich extrem laut war, und zwar an der Grenze zum ZU laut. Und zwar nicht nur im Verhältnis zum Chor (oder dem Geschehen auf der Leinwand), sondern auch, wenn der Chor nicht beteiligt war. Ich habe auch festgestellt, dass es für mich etwas schwierig ist, meine Aufmerksamkeit zwischen dem Film und Orchester/Chor/Solistin aufzuteilen. Das ist leichter, wenn man selbst auf der Bühne steht – da man da eh nicht auf die Leinwand schauen kann, kann man sich in den Chorpausen in aller Ruhe ansehen, was die im Orchester da alle so machen oder der Solistin zusehen. Im Publikum sitzend habe ich mich immer entscheiden müssen, ob ich mal gucke, was z. B. die Jungs an der Percussion so treiben, oder ob ich mich ganz dem widme, was Russell Crowe oder Joaquin Phoenix gerade so machen. Ich verstehe jetzt sogar ein bisschen, warum eine Freundin von mir dieses Konzept gar nicht mag – man kann sich wirklich auf keines von beidem richtig konzentrieren.

Trotzdem sind diese Veranstaltungen schon ein Erlebnis: die Musik wirklich ZUM Film einmal so im Vordergrund zu hören, öffnet einem oft erst die Augen bzw. Ohren und es wird einem bewusst, welch enorm große Rolle die Musik spielt. Und auch, wenn ich es etwas schwach finde, dass musikalische Themen aus Gladiator auch in den Fluch der Karibik-Filmen wieder auftauchen, bleibt die Musik von Hans Zimmer und Lisa Gerrard ein Meisterwerk. Für Chor ist und bleibt Howard Shores Musik aus Herr der Ringe zwar interessanter, aber der Gesamtsoundtrack von Gladiator ist ähnlich beeindruckend. Toll war es natürlich auch, dass Lisa Gerrard selbst ihre Musik gesungen hat – und gespielt! Es war von meinem Sitzplatz schwierig zu erkennen, aber sie hat wohl auf einem Yang Chin gespielt, was wohl so eine Art chinesisches Hackbrett ist. Sie hat damit sehr außergewöhnliche Klänge erzeugt. Durch ihre Stimme natürlich auch – die ging durch Mark und Bein (und hat mir bei der Sterbeszene von Maximus dann wirklich noch den Rest gegeben). Beim Singen wirkte sie irgendwie seltsam entrückt, auch durch den klagenden Klang ihrer Stimme – irgendwie so, als wäre sie nicht von dieser Welt. Fantastisch!

Dem Dirigenten (Shih-Hung Young statt, wie ursprünglich angekündigt, Justin Freer) gebührt natürlich noch besonderes Lob: es erfordert wahnsinnige Konzentration, Orchester und Chor absolut exakt synchron zum Film zu dirigieren. Er muss die Noten, den Bildschirm mit den Takt- und Tempoangaben, Orchester und Chor und Solisten im Blick haben. Ich bewundere jeden Dirigenten, der das hinbekommt! Und dann musste er heute auch noch die Nerven bewahren und stur weitermachen, als für ein paar Minuten der Ton auf der Leinwand ausgefallen war und es sogar Rufe nach „Ton!“ im Publikum gab. Da hatten wir also einen Stummfilm (mit Untertiteln) mit live Musikbegleitung – wie früher in der Stummfilmzeit! Dann war da allerdings doch tatsächlich auch eine der wenigen Szenen ohne Musik dabei; da war es also komplett still im Saal. Das war etwas ärgerlich – bei solch einer Großveranstaltung sollte so eine Panne eigentlich nicht passieren oder zumindest deutlich schneller behoben werden können.

Fazit: Leichte Mängel in der technischen Umsetzung (Tonausfall, Chor zu leise, Orchester z. Tl. zu laut), Chor, Orchester und Solistin tadellos in ihrer Performance (soweit hörbar), Film großartig und Bedauern, nicht selbst singen zu dürfen stellenweise sehr groß. (Ich weiß jetzt, dass ich mir den 3. Teil von Herr der Ringe nächstes Jahr (29.3.-1.4.) auf keinen Fall ansehen darf, wenn ich wieder nicht im Chor singen darf. Da würde ich wohl von vorne bis hinten durchheulen…)

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5 Antworten zu Gladiator – Live to Projection: das Konzert (20.04.2014)

  1. bullion schreibt:

    Schon wahnsinn, wie detailliert du dein Empfinden der Musik beschreibst und wie sehr dich das berührt. Um so tief mitzufühlen bin ich wohl zu unmusikalisch, doch packen mich epische Scores meist auch sehr. Übrigens finde ich es klasse, dass du vom Platz aus mitgesungen hast! 😀

    • singendelehrerin schreibt:

      🙂 Noch besser wäre es gewesen, wenn ich die Noten kopiert gehabt hätte – dann hätte ich komplett mitsingen können. Aber irgendwie wollte ich dann, wenn ich schon im Publikum sitzen musste, aber doch auch was vom Film mitkriegen! 😉

  2. mwj schreibt:

    Lisa spielt seit mehr als 20 Jahren auf dem Yang Chin. Hat sie das Stück „Figurines“ (nur Yang Chin) gespielt? Schöne ausführliche Besprechung übrigens. 🙂

    • singendelehrerin schreibt:

      Erstmal: Danke! 🙂

      Zu „Figurines“: wenn das ein Stück vom Soundtrack ist, dann hat sie es sicher gespielt. Das Dumme war, dass ich ihr quasi schräg gegenüber saß, und so das Notenpult zwischen dem Yang Chin und mir stand. So konnte ich gar nicht sehen, was sie da genau macht und hab mich erst im Nachhinein darüber informiert. Vom Chor aus hätte ich einen super Blick auf das Gerät gehabt! *grummel*

      Und extra für dich hätte ich ja gerne ein Foto von ihr gemacht ;), aber, mal abgesehen davon, dass ja Bild- und Tonaufnahmen strengstens untersagt waren, dafür war sie einfach zu weit weg.

  3. mwj schreibt:

    Danke für deinen Versuch, ein Foto zu machen. Vielleicht tauchen ja doch Videoaufnahmen bei Youtube auf. 🙂

    Aber du hast recht, Lisa hat eine „entrückte“ Bühnenpräsenz, aber das ist genau das was sich u.a. so toll an ihr finde. Für mich hat ihre einzigartige Stimme/Musik etwas sehr Spirituelles, auch wenn ich nicht spirituell veranlagt oder gar religiös bin.

    Hier mal ein Link zu „Figurines“ http://www.youtube.com/watch?v=z4CyutIxzoY

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