Captain America: The Winter Soldier 3D (dt. Titel: The Return of the First Avenger; Anthony & Joe Russo, USA 2014)

Eins vorneweg: Kann mir mal irgendjemand erklären, warum man für die deutsche Veröffentlichung einen anderen englischsprachigen Titel nimmt? Liegt das an den „deutschen“ Titeln der Comic-Vorlage – oder traut man den Deutschen nicht zu, dass sie merken, dass der Winter Soldier nicht Captain America ist? Oder glaubt man, mit dem Begriff „Avenger“ mehr Deutsche ins Kino zu locken, weil der Zusammenhang zu The Avengers (ähm, ich meine natürlich Marvel’s The Avengers, wie er „im Deutschen“ heißt) hergestellt wird? Es ist mir wirklich ein Rätsel…

Nun aber zum Film. Captain America (Chris Evans) ist eigentlich der Avenger, der mich am wenigsten interessiert. Irgendwie scheint er mir immer zu glatt, zu sehr „all-American“. Und so hat mich auch in der ersten halben Stunde oder so sein Aussehen irgendwie gestört – sein Gesicht erschien mir wie durch Photoshop künstlich geglättet, sodass er für mich wie ein Ken aussah. Auch die Black Widow (Scarlett Johansson) kam mir ein bisschen wie Barbie vor… Aber dieses irritierende Gefühl ist dann im Laufe des Filmes verschwunden – Gott sei dank!

Was ich empfehlen kann: auch solche Filme mit wenig Vorwissen anzusehen. Sicher, diejenigen, die die Comics kennen, wissen eh, was ungefähr auf sie zukommt – ICH wusste noch nicht mal, dass die Black Widow mit von der Partie sein würde, geschweige denn, wer der Winter Soldier sein würde (IMDb verrät das ja sofort, wie ich jetzt gesehen habe). Es war dann zwar letztendlich auch keine riesengroße Überraschung, aber am Anfang habe ich schon etwas rumgerätselt, weil man da nur die Augen gesehen hat und ich diese nicht zuordnen konnte.

Die Weisheit des Films – „trust no one“ – ist jetzt nicht so wahnsinnig originell (ich musste irgendwie sofort an Mulder denken), aber zumindest ist das Drumherum ganz nett gestaltet. Den Plot fand ich – wie schon bei Teil 1 – nicht so wahnsinnig spannend, die Parallelen zur heutigen Überwachungsorgie durch NSA & Co. ein bisschen zu gewollt. Und leider hatte ich nie das Gefühl, dass hier eine wirkliche Bedrohung vorliegt, da diese völlig unpersönlich war. Ich bleibe bewusst mit meinen Aussagen etwas vage, weil ich ja gerne spoilerfreie Reviews verfasse.

Zur Action: Ich bin ja ein Freund gut choreographierter Kampfszenen – und davon gibt es eine ganze Reihe. Anfangs hat mich die Kombination aus 3D (meines Erachtens völlig überflüssig) und schnellen Schnitten etwas genervt, aber entweder habe ich mich im Laufe des Filmes daran gewöhnt, oder die Schnitte waren später nicht mehr so hektisch. Was mir an den Kampfszenen gefällt: es gibt viele Nahkampf-Szenen (z. B. in der Beengtheit eines Aufzuges), in denen auch immer ganz klar die unterschiedliche Kampfweise, etwa von Captain America oder Black Widow, hervorsticht. Sie bleiben sozusagen auch im Kampf „in character“. Das ist ein bisschen so wie bei Herr der Ringe oder dem Hobbit: jedes Wesen hat eine andere Art zu gehen, zu kämpfen… Wenn sowas konsistent durchgehalten wird, bin ich schon mal mit der Action zufrieden. Ich nehme da sogar Captain Rogers ab, dass er – fast Legolas-like – einen fliegenden Jet „überwältigt“, schließlich hat er ja Superkräfte (im Gegensatz zu einem John McClane aus Stirb Langsam IV).

Die Action war also weitgehend überzeugend und handwerklich gut gemacht. Allerdings stellt sich angesichts der obligatorischen Zerstörungsorgien, die es wohl in jeder Comic-Verfilmung geben muss, bei mir langsam ein gewisser Ermüdungseffekt ein. Ein bisschen Staunen über die tollen visuellen Effekte darf ja sein, aber die Grenzen zum visuellen Overkill sind fließend.

Chris Evans als Steve Rogers und Scarlett Johannson als Natasha Romanoff harmonieren ganz gut zusammen – ohne jedoch die Black Widow/Hawkeye-Shipper ins Unglück zu stürzen – und liefern solide Leistungen ab. Ich verstehe übrigens jeden Mann, der auf Scarlett steht – mich würde sie ja insbesondere mit ihrer Stimme ködern… Chris Evans sehe ich seit Snowpiercer in einem anderen Licht – er kann wirklich mehr als man ihm zutraut. Anthony Mackie als Wilson/Falcon ist ein toller Sidekick für Captain America. Seit The Hurt Locker freue ich mich immer, ihn in einem Film zu entdecken. Robert Redford (Alexander Pierce) mal in einer Comic-Verfilmung zu erleben, hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Und – ach, was soll man schon über Samuel L. Jackson als Nick Fury sagen: der Mann ist einfach die Coolness in Person. Cobie Smulders als Agent Hill ist auch wieder von der Partie, allerdings mit einer recht kleinen Rolle.

Wen habe ich vergessen? Richtig, den Winter Soldier (Sebastian Stan)! Cool fand ich, dass er und der Captain ungefähr gleich stark waren, wodurch die Kämpfe sehr ausgeglichen und dadurch sehr interessant waren. Die Auflösung (ja, zumindest für mich Unwissende) bezüglich seiner Identität ist sehr typisch für einen Comic. In der Regel sind ja die Gegenspieler des Helden meistens irgendwelche Leute aus seiner Vergangenheit – so auch hier. Vielleicht hätte mich das noch mehr berührt, wenn ich vorher nochmal Teil 1 angesehen hätte. So war meine Reaktion eher: „Ach so. Ja gut. Schon blöd für den Captain.“ Betroffen hat mich das nicht.

Fazit: Nette Action-Unterhaltung ohne emotionalen Tiefgang, dafür mit beeindruckenden Bildern, gut choreografierten Kampfszenen und Figuren, denen man gerne zusieht. Klingt jetzt relativ negativ, aber so ist es gar nicht gemeint. Captain America: Winter Soldier ist ein Film, der einem die Wartezeit auf den nächsten Avengers-Film unterhaltsam verkürzt:

6,5 von 10 Punkten.

Edit: Nachdem ich noch einmal über die lächerliche Auflösung bzgl. des eigentlichen Drahtziehers nachgedacht habe, musste ich den Film doch noch etwas schwächer bewerten. (Ursprünglich lag ich bei 7 Punkten.)

Nachtrag: Wie immer, gilt bei Marvel-Verfilmungen: bis zum Ende des Abspanns sitzen bleiben! Joss Whedon ist übrigens der Regisseur der „post-credit scene“.

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4 Antworten zu Captain America: The Winter Soldier 3D (dt. Titel: The Return of the First Avenger; Anthony & Joe Russo, USA 2014)

  1. mwj schreibt:

    Ich hab den Film letztes Wochenende auch gesehen. Besser als der lahme erste Teil, aber dennoch nicht wirklich gut.

    Meine Filmkritik:
    http://www.kino.vieraugen.com/kino/the-return-of-the-first-avenger/

    • singendelehrerin schreibt:

      OMG – ich hatte den üblen Plottwist, den du in deiner Kritik „erwähnst“ (auch ohne zu spoilern – brav! ;)) ja tatsächlich wieder verdrängt. Ich schrieb ja nur über die Aufklärung, wer der Winter Soldier ist… Öhm, ja, der war natürlich ARG „abenteuerlich“… Da sieht man mal, was bei mir hängen geblieben ist – im Wesentlichen die Action. Hm, nur wenn ich ihn jetzt noch herunterstufe, kommt er auf eine Stufe mit „Man of Steel“ – und bei dem hab ich mich im letzten Teil halt RICHTIG gelangweilt, was ich für „Captain America 2“ nicht behaupten kann.

      Interessante Begründung von dir übrigens, warum man für das deutsche Publikum nicht so den Captain AMERICA rausstellt (im Titel) – weißt du das, oder ist das deine Theorie?

      • mwj schreibt:

        Ich hab das in der Filmkritik auf filmstarts.de gelesen. Also wird es wohl mehr als eine Theorie sein.

        Das mit der Auflösung, wer hinter der Unterwanderung von S.H.I.E.L.D. steckt, finde ich deshalb auch so dämlich, weil dadurch die teilweise aktuelle Thematik (Überwachung, Sicherheit statt Freiheit usw.) ad absurdum geführt wird.

  2. Stepnwolf schreibt:

    „Ich verstehe übrigens jeden Mann, der auf Scarlett steht – mich würde sie ja insbesondere mit ihrer Stimme ködern.“ … Ja, unter anderem damit. 😉

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