FFF Nights: Enemy (Denis Villeneuve, Kanada/Spanien 2013)

Im Gegensatz zu vielen anderen Kritikern, war dieser Film für mich nicht „der Film von dem Regisseur von Prisoners„, weil ich Enemy tatsächlich gesehen hatte, bevor ich mir vor ein paar Tagen dann auch noch Prisoners auf DVD zu Gemüte geführt habe. Ich finde auch, dass die Filme sehr unterschiedlich sind, auch wenn bei beiden Jake Gyllenhaal mitspielt.

Aber hier soll es ja um Enemy gehen, und der wurde am Fantasy Filmfest mit den Worten eingeleitet, dass sich die FFF-Macher nach der Sichtung des Filmes erstmal gar nicht sicher waren, ob sie den Film für die FFF-Nights haben wollten; nachdem sie dann aber tagelang über den Film diskutiert hatten und er ihnen immer besser gefiel, war klar, der Film muss her. Meine Reaktion darauf: „OK, dann gefällt er mir vielleicht nicht auf Anhieb“, bei meinem Begleiter: „OK, dann gefällt er mir bestimmt sofort.“ So ähnlich war es dann am Schluss auch: ich war noch etwas ratlos ob des seltsamen Endes, für meinen Begleiter war alles total klar und er mochte den Film auch mehr als den vorher gesehenen Snowpiercer. Ich führe dies ein bisschen auf Kopf vs. Bauch bzw. Intellekt vs. Gefühl zurück – doch dazu später.

Worum es in diesem Film nach dem Buch von José Saramago geht, ist schnell erzählt: der Dozent Adam (Jake Gyllenhaal) führt ein relativ eintöniges Leben, wie es scheint. In Schlaglichtern sieht man Szenen aus Vorlesungen und aus seiner Freizeit, die er komplett zu Hause zu verbringen scheint. Er korrigiert auch mal „lieber“ weiter Arbeiten seiner Studenten als mit seiner hübschen Freundin/Frau Mary (die zauberhafte Mélanie Laurent) ins Bett zu gehen. So richtig glücklich scheint weder die Beziehung noch Adam. Eines Abends schaut er sich auf dem Laptop einen Film an und entdeckt in einer Nebenrolle einen Mann, der ihm aufs Haar gleicht. Er ist schockiert und fasziniert zugleich: wer ist dieser Mann?

Adam findet heraus, dass dieser andere Mann (Anthony) also Schauspieler ist und eine Frau (Sarah Gadon) hat – die ihn am Telefon für ihren Mann hält. Werden sich die beiden treffen? Wie wird das ablaufen? Was steckt dahinter? Alle diese Fragen will ich hier gar nicht beantworten – manche kann ich auch nicht zu meiner eigenen Zufriedenheit beantworten. Vielleicht kann sich ja später, wenn der ein oder andere meiner Leser den Film gesehen hat, noch eine Diskussion entwickeln. Vielleicht lese ich auch das Buch und bin danach schlauer. Saramagos „Stadt der Blinden“ mochte ich auf jeden Fall…

Was den Film „speziell“ macht, ist die Erzählweise. Die ist nämlich weder wirklich linear noch zusammenhängend. Was ich oben mit „Schlaglichtern“ meinte, sieht so aus, dass oft Szenen nicht fließend ineinander übergehen oder logisch aufeinander folgen, sondern stark von einander abgetrennt werden, und zwar in Ton und Bild. Fast so als würde man eine Diashow zeigen (mit echten Dias!) und beim Wechseln zum nächsten Dia wird die Leinwand immer kurz schwarz und es gibt da dieses Geräusch vom Weitertransport des nächsten Dias. Das ist irgendwie interessant, aber mir persönlich wurde dieses Stilmittel zu oft wiederholt.

Fazit: interessant, gut gespielt von Jake Gyllenhaal (seine Mutter wird übrigens von Isabella Rosselini gespielt, die für mich immer irgendwie etwas Besonderes ist, weil sie die Tochter der Lieblingsschauspielerin meiner Mutter ist: Ingrid Bergman), genügend Hinweise darauf, was tatsächlich los ist, aber trotzdem keine Auflösung in diesem Sinne – zumindest nicht für Andy, viel Stoff zum Weitergrübeln. Eigentlich lädt der Film dazu ein, sich ihn mehr als einmal anzusehen, um vielleicht noch ein paar weitere „clues“ zu entdecken. Trotzdem ist dieser Film mir persönlich zu „verkopft“ – und damit aus meiner Sicht völlig anders als Prisoners. Ich habe schon in verschiedenen Kritiken angemerkt, dass mich ein Film auch emotional packen muss, um eine richtig hohe Wertung und einen Platz in meinem Herzen und Kopf zu ergattern. Filme, die fast ausschließlich die intellektuelle Ebene ansprechen, finde ich zwar häufig „interessant“, „gut gemacht“, „außergewöhnlich“, aber sie landen nicht bei mir im DVD-Regal.

Darum: durchaus sehenswert, aber nicht mehr als 7 von 10 Punkten.

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12 Gedanken zu “FFF Nights: Enemy (Denis Villeneuve, Kanada/Spanien 2013)

  1. Also ich muss sagen, dass mich außergewöhnliche Filme, die nicht völlig nach dem gängigen dramaturgischen Schema ablaufen und evtl. etwas schwierig/sperrig sind, seit ein paar Jahren mehr reizen als die üblichen Blockbuster. Ich freue mich schon sehr auf „Enemy“, auch wenn ich die Vorlage nicht kenne.

    Hat mich etwas gewundert, dass das FFF so früh im Jahr ist. Ist das nicht ursprünglich immer im Sommer gewesen?

    1. Das waren ja nur die FFF Nights! Die sind immer an einem Wochenende im Frühjahr, während das FFF dann Mitte August bis Mitte September läuft (je nach Stadt).

      Ich mag ja durchaus auch Filme, die etwas abseits des Mainstream liegen, weswegen ich ja das FFF auch schätze. Trotzdem gibt es auch Blockbuster, die total mag.

  2. Enemy ist IMHO durchaus ein Film, der auch eine emotionale Wirkung entfalten kann. Bedenke: Es gibt auch Stimmungen, die NICHT von einer erhöhten Adrenalinausschüttung begleitet werden! 😉

    1. Vielleicht habe ich es in meiner Kritik nicht deutlich genug ausgedrückt: bei MIR hat er halt keine „emotionale Wirkung“ entfaltet. Ich spreche da immer nur von meiner subjektiven Wahrnehmung, gerade wenn es darum geht, ob mich ein Film emotional berührt hat.

    1. Ah, da kommst du ja zu einer recht ähnlichen Einschätzung! Punktemäßig sogar exakt gleich! Bin ja beruhigt, dass der Film für dich auch nicht alle Fragen aufgelöst hat! 😉

  3. Ich hab das hauptsächlich geschrieben, weil Libertarian Anonymous damals sofort nach dem Kino gemeint ist, dass eh alles klar ist, dass es eben nur eine Person gibt, das andere alles nur Halluzination, hervorgerrufen durch diese Party vom Anfang (deswegen auch die Spinne) etc. Selbst wenn ich zumindest auch zu dem Schluss gekommen war, dass es vermutlich nur eine Person gab, hat das für mich aber noch nicht alle Fragen gelöst, z. B. die Sache mit dem Autounfall.

  4. Aber der Mann im Club am Anfang des Films ist Anthony, nicht Adam. Es ist eben gar nichts klar. Es war keine eindeutige Halluzination.

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