Fantasy Filmfest Nights: Snowpiercer (Joon-ho Bong, Südkorea/USA/F/Tschechische Republik)

Schon allein die exquisite Mischung der an diesem Film beteiligten Länder finde ich hochinteressant: Ein Südkoreaner (Joon-ho Bong) dreht einen auf einer französischen Graphic Novel (Le Transperceneige) basierenden englischsprachigen Film mit Hauptcharakteren, die vorwiegend von Briten und Amerikanern gespielt werden, in Tschechien. Aber das wurde mir ja erst beim Abspann klar… Fangen wir beim Anfang an (ich versuche mich hier an einer Spoiler-freien Besprechung):

Die Menschheit scheint – im Jahr 2014! – DIE Lösung gegen globale Erwärmung gefunden zu haben, und so wird ein Mittel in die Atmosphäre gesprüht, dass die Erde abkühlen soll, was es auch tut… nur leider ein „klein bisschen“ zu viel, sodass die Erde mit einer Eisschicht überzogen wird und alles Leben ausgelöscht wird. ALLES Leben? Nein! Glücklicherweise hatte der Erfinder und Zugliebhaber Wilford (Ed Harris) rechtzeitig einen Zug erfunden und gebaut, der durch ein Perpetuum Mobile angetrieben wird (im Film immer nur als „the engine“ bezeichnet) und nun schon seit 17 Jahren als eine Art Arche Noah non-stop um die Welt fährt. Im Zug herrscht eine klare Aufteilung in Klassen – die vom Kopf des Zuges geben den Ton an und leben in Saus und Braus, die „tail enders“ leben zusammengepfercht auf kleinstem Raum und bekommen streng rationierte „protein bars“ (man erfährt im Laufe des Filmes, woraus die gemacht sind… sehr lecker, sag ich nur!). Ab und zu gibt es Ansprachen für das niedere Volk, vorzugsweise von Mason (die anbetungswürdige Tilda Swinton), wobei immer wieder darauf hingewiesen wird, dass alle ihren ihnen zugewiesenen Platz haben („Know your place, keep your place!“).

Aber Curtis (Chris Evans mit einer erstaunlichen Performance) will das Unmögliche schaffen und vom Ende des Zuges bis ganz nach vorne zur Engine gelangen, damit – so denkt er – dann der greise Gilliam (John Hurt) die Führung des Zuges übernimmt. Warum Gilliam für Curtis so wichtig ist und er ihn so verehrt, wird erst am Ende des Filmes klar, ich will das auch nicht verraten. Zu Curtis wiederum schaut der 17-jährige Edgar (Jamie Bell, der zwar inzwischen auch schon 28 ist, aber noch einigermaßen als 17-Jähriger durchgeht; ein Leben unter diesen Umständen lässt einen ja auch schneller altern…) auf. Curtis bekommt immer wieder Nachrichten zugesteckt, die ihn darin bestärken, die Revolution zu versuchen. Als erstes muss er Namgoong Minsu (Kang-ho Song, den ich u. a. aus The Good, the Bad and the Weird und Thirst kenne) aus dem Gefängnis befreien, denn seine Quelle hat ihm gesteckt, dass der alle Türen im Zug öffnen kann, weil er sie gebaut hat. Namgoong, und seine Tochter Yona (Ah-sung Ko) sind von der Droge Kronal abhängig – und so kann Curtis ihn mit dieser Droge „bezahlen“.

Mit welchen Gegnern und Widrigkeiten Curtis und seine Anhänger zu kämpfen haben, soll hier nicht verraten werden, und auch den Schluss werde ich hier nicht preisgeben. Ich empfehle wirklich, da mit möglichst wenig „Vorkenntnissen“ hineinzugehen, falls noch möglich.

Meine Begleitung bei dem Film hat gleich wieder einige Kritikpunkte an den „wissenschaftlichen“ Elementen gehabt (so fand er etwa, dass der Zug eine andere Route hätte nehmen müssen) und außerdem gemeint, dass – von der Idee her – nichts von Grund auf Neues dabei gewesen wäre; er hat dann gleich noch mit Ayn Rand um sich geworfen… Und klar, man kann sich schon fragen, ob die Menschheit wirklich so dumm wäre, das „Wundermittel“ ohne hinreichende Tests anzuwenden. Aber für mich waren solche Überlegungen völlig irrelevant, so packend, schockierend, großartig gefilmt und geschauspielert war der Film! Unterstützt auch noch von einem Original Score von Marco Beltrami, der mich zum Teil vor lauter aufgebauten Spannung in den Sessel gedrückt hat. Visuell wurden die Gegensätze zwischen denen am Ende des Zuges und denen am Kopf des Zuges auch überaus eindrücklich dargestellt – man ist zum Teil richtig mit“erschrocken“, wenn die „tail enders“, die nie Tageslicht zu sehen bekommen (fast so, als lebten sie in einer Mine), dann plötzlich in lichtdurchfluteten, farbenfrohen Waggons stehen. Zusätzlich dazu werden so viele Themen, die brandaktuell und/oder universell sind, aufgegriffen: Totalitarismus, Revolution, der Umgang von oben mit Revolutionären, die Frage nach einem natürlichen Gleichgewicht, Überbevölkerung, Ungerechtigkeit, Freiheit oder Vorbestimmtheit… Wer, vielleicht nach der Sichtung des Filmes, eine sehr ausführliche, recht philosophische Betrachtung des Filmes lesen möchte, dem kann ich folgenden Blogeintrag wärmstens empfehlen: http://thekoreanforeigner.blogspot.de/2013/08/the-philsophy-of-snowpiercer.html

Leider habe ich zu lange mit der Besprechung gewartet. Meine unmittelbare Begeisterung vom Sonntag kann ich heute irgendwie nicht mehr richtig ausdrücken. Ich werde nicht zuletzt deswegen mir den Film höchstwahrscheinlich noch ein zweites Mal ansehen. Am 3. April läuft er in deutschen Kinos an – ich hoffe wirklich, dass der Film von vielen gesehen wird!

Mich hat er absolut umgehauen: 10 von 10 Punkten!

 

 

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8 Antworten zu Fantasy Filmfest Nights: Snowpiercer (Joon-ho Bong, Südkorea/USA/F/Tschechische Republik)

  1. Nummer Neun schreibt:

    Klingt gut! Habe die Nights dieses Jahr leider verpasst, aber vielleicht schafft der Film es ja noch regulär in die Kinos.

    • singendelehrerin schreibt:

      Im Cinema läuft er nächsten Donnerstag um 22:15 (da geh ich wahrscheinlich nochmal) und Freitag um 13:15. Aber ich schätze, beide Termine sind schlecht für dich – oder hast du Gleitzeit in deinem neuen Job?

      • Nummer Neun schreibt:

        Also für 13:15 wird es mit Sicherheit nicht langen 🙂 Den anderen muss ich mal schauen, bevor ich angefangen habe, ist das alles noch schlecht planbar.

        • singendelehrerin schreibt:

          Es gibt weitere Termine: Samstag, 5.4. um 16 Uhr und Dienstag, 8.4., um 22:35. Hm, ich bin mir immer noch nicht sicher, wann ich gehe. Wäre natürlich witzig, wenn wir uns im Kino treffen würden. 😉 Falls du nicht inkognito bleiben willst. 😉

  2. bullion schreibt:

    Klingt fantastisch! Wird spätestens auf Blu-ray nachgeholt 🙂

  3. mwj schreibt:

    Anscheinend kommt er bei mir in der fränkischen Provinz ab Donnerstag gar nicht. 😦
    Ich möchte den halt im Kino sehen. Echt eine Frechheit, wenn man sich ansieht, was für Blödbuster und andere belanglose Filme hier im Kino laufen.

    • Singende Lehrerin schreibt:

      Ganz ehrlich: ich bin ja aus der (ober)fränkischen Provinz vor fast neun Jahren nach München gezogen – und würde schon allein aus „cineastischen“ Gründen nicht wieder zurück wollen. In meinem Heimatort laufen eh nur die Filme, für die viel Werbung gemacht wird. Gut, ich konnte immerhin auch nach Nürnberg fahren und da z. B. zum Fantasy Filmfest gehen (im Cinecittà läuft „Snowpiercer“ auch ab Donnerstag), aber selbst in der Studentenstadt Erlangen (GROSSE englische Fakultät) gibt es z. B. kaum die Möglichkeit, Filme in der Originalversion zu sehen. Ich bin inzwischen diesbezüglich so verwöhnt, dass ich wahrscheinlich gar nicht mehr ins Kino gehen würde, wenn es weit und breit keine OV oder wenigstens OmU gäbe…

      Von daher: ich verstehe deinen Unmut!

  4. mwj schreibt:

    Es geht mir ja nicht einmal um die OV.

    Natürlich könnte es auch daran liegen, dass morgen viele „große“ Filme starten. Aber vielleicht kommt „Snowpiercer“ demnächst noch in einem der beiden Programmkinos in der Nähe. *hoff*

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