August: Osage County (dt. Im August in Osage County; John Wells, USA 2013)

Man merkt dem Film an, dass er auf einem Theaterstück (von Tracy Letts; er hat auch das Drehbuch verfasst) basiert: Es gibt im Prinzip nur eine Location (das Haus der Westons in Osage County, Oklahoma) und es gibt Dialoge über Dialoge. Ein richtiger Schauspielerfilm, in dem die gesamte Besetzung zeigen kann, was sie drauf hat.

Violet (Meryl Streep) und Beverly Weston (Sam Shepard) führen keine besonders gute Ehe mehr: Violet leidet an Mundkrebs und ist tablettenabhängig und – wie sie es nennt: „ehrlich“ (andere halten sie für bösartig und gemein), Beverly trinkt und hat seit Jahren nichts mehr geschrieben (sehr passend spielt Shepard einen Schriftsteller). Eines Tages – kurz nachdem Beverly die Indianerin Johnna (Misty Upham) einstellt, damit diese sich um Violet kümmert – verschwindet Violets Mann. Neben Violets Schwester Mattie Fae (Margo Martindale) samt Mann Charlie (Chris Cooper) und der einzigen noch in Osage County lebenden Tochter Ivy (Julianne Nicholson) reist aus Colorado die älteste Tochter Barbara (Julia Roberts) mit Noch-Ehemann Bill (Ewan McGregor) und Tochter Jean (Abigail Breslin) an, um Violet zu unterstützen.

Kurz nach deren Eintreffen wird Beverlys Leiche im See gefunden – man geht von Selbstmord aus. Zur Beerdigung reist nun noch der Rest der Familie an: die jüngste Tochter Karen (Juliette Lewis) mit ihrem Verlobten Steve (Dermot Mulroney) aus Florida im Ferrari, und – leicht verspätet – der tolpatschige, wenig erfolgreiche, „Loser“- Sohn von Mattie Fae und Charlie „Little Charles“ (Benedict Cumberbatch) mit dem Bus. Es folgt der langsam eskalierende Leichenschmaus im Hause Weston. Meryl Streep spielt Violet so bitterböse: was sie ihren Töchtern so an den Kopf wirft, ist richtig heftig. Doch Barbara schießt verbal zurück – schließlich gibt es sogar ein richtiges Handgemenge, als klar wird, dass Violet tablettenabhängig ist und Barbara ihr die Tabletten wegnehmen will.

Im Folgenden gibt es auch noch weitere wirklich harte Dialoge (z. B. auch zwischen den Schwestern) und es kommen einige Dinge aus der Familiengeschichte ans Licht, die die Beziehungen zwischen Mutter und Töchtern, unter den Schwestern, und zwischen weiteren Personen nicht gerade vereinfachen oder enger machen.

Mal wieder einer dieser „Familien“-Filme, der bei mir eine tiefe Dankbarkeit über meine vergleichsweise normale und harmonische Familie hervorruft!

Schauspielerisch ein echtes Juwel – die Oscarnominierungen für Meryl Streep und Julia Roberts waren auf jeden Fall voll berechtigt. Trotzdem sind mir insbesondere Szenen mit Nebenfiguren in Erinnerung geblieben, z. B. eine Szene, in der Charlie (der großartige Chris Cooper) seiner dominanten Frau Mattie Fae mal so richtig die Meinung darüber sagt, was er davon hält, dass sie Little Charles immer so schlecht und „little“ macht und welche Konsequenzen es haben wird, wenn sich das nicht ändert. Wie er da deutlich macht, dass er sie – trotz all ihrer Zicken und ihrer Dominanz – gegen niemand anderen eintauschen möchte, aber nicht mehr weiter mit ihr zusammen leben will, wenn sie keinen Platz in ihrem Herzen für ihren eigenen Sohn findet; das sitzt! Und dann gibt es auch eine bewegende Szene zwischen eben Charlie und seinem Sohn, als der Vater Little Charles (Benedict Cumberbatch) vom Busbahnhof abholt, die beide ganz wunderbar zart spielen. Apropos „wunderbar zart“: Benedict Cumberbatch kann auch singen! Sein „Little“ Charles singt ein selbst komponiertes Liebeslied – schlicht, aber einfach süß – für seine Cousine Ivy. Ein seltener harmonischer Moment in diesem Film, der aber jäh von Little Charles‘ Mutter beendet wird.

Wie ein Theaterstück lebt dieser Film vom gesamten Ensemble, aus dem zwar doch ein paar besonders herausstechen, aber jeder hat seinen Auftritt, seine besonderen Momente, Zeilen, die in Erinnerung bleiben.

Eine besonderes „Zuckerl“ gibt es für die Fans von Benedict Cumberbatch, die ihn schon auf der Bühne (live oder über Satellit) des National Theatre in Frankenstein gesehen haben (Achtung, SPOILER!!! Wer trotzdem weiterlesen will, bitte Text markieren):

Als Little Charles am Essenstisch beim Leichenschmaus, dazu ansetzt, etwas zu sagen (nachdem er bisher still alles verfolgt hatte), meint Violet boshaft: „It speaks!“ Das ist ein direktes Zitat aus Frankenstein: Nachdem die Kreatur Frankensteins Bruder umgebracht hat, treffen die Kreatur und ihr Schöpfer auf dem Mont Blanc aufeinander. Als die Kreatur Frankenstein anspricht, ruft dieser überrascht aus: „It speaks!“, worauf die Kreatur antwortet: „Yes, Frankenstein. It speaks.“ Nachdem ich die Variante, in der Cumberbatch die Kreatur spielt, dreimal gesehen habe, höre ich förmlich diese Antwort – und hörte sie auch fast, als nun das „It speaks“ in August: Osage County vorkam. Sollte diese Zeile tatsächlich im Originaltheaterstück von Tracy Letts auch drin sein, wäre das ein hübscher Zufall, ich bin mir jedoch relativ sicher, dass das schon Absichtlich als Insider eingebaut worden ist. Schon allein dadurch wird der Film für mich unvergesslich!

7 von 10 Punkten.

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4 Antworten zu August: Osage County (dt. Im August in Osage County; John Wells, USA 2013)

  1. schauwerte schreibt:

    Tracy Letts ist ein „er“ …;-)
    Ich fand den Film ganz großartig und gerade Julia Roberts hat mich überrascht und überzeugt! Wie da mit Worten (und mitunter auch mit Fäusten, au Weia) um sich geschlagen wird, ist heftig, aber bewegend. Ich fand den Film von A-Z hervorragend besetzt , auch wenn mich Juliet Lewis genervt hat. Die Geschichte um Little Charles hat mich ebenfalls am meisten bewegt. Seine Beziehung zu seinen Eltern, sein angst zu versagen, seine Liebesbeziehung (oh nein!!! das bisschen Glück ist verdammt)…Schluchz. Dass Cumberbatch singen kann…naja…soooo dolle klingt das nun nicht, ne? 😉 Aber er macht das auf eine berührende, zarte Art, das ist sehr einnehmend.

    • Singende Lehrerin schreibt:

      Wegen Tracy Letts: oops! Danke für den Hinweis, hab’s gleich mal ausgebessert. Wie peinlich, so schlecht recherchiert (bzw. leider gar nicht über IMDb hinausgehend)… Aber: Kein Wunder, dass dann auch der Mann von Violet eher einen Frauennamen trägt (Beverly). 😉

      Juliette (!) Lewis war halt sehr typisch für sie besetzt – nervt sie nicht meistens? 😉 Aber das ist halt immer gewollt bei ihr. Ich hatte sie schon so lange nicht mehr gesehen, von daher hab ich mich gefreut, dass sie dabei war.

      Du hast schon Recht, Benedict hat jetzt nicht irgendwie ausnehmend toll gesungen – aber das hätte ja auch nicht zu der Rolle gepasst. Ich hatte ihn halt bisher nie singen gehört, weswegen mich das erstmal positiv überrascht hat (und besser als, sagen wir, Russell Crowe in „Les Misérables“ war es allemal…). Und dann – wie du sagst – singt er auf eine so zarte und schlichte Weise, dass man ihn nur in sein Herz schließen kann.

      Ich weiß jetzt nicht mehr: hast du auch „Frankenstein“ gesehen? Wenn ja, hat’s dich auch so umgehauen mit dem Zitat daraus?

      • schauwerte schreibt:

        Juliette…hahaha…OK.
        Frankenstein habe ich gesehen, ja, aber eine Verbindung hierzu habe ich beim Film nicht hergestellt. Ich war eher peinlich berührt, wie grob Violet mit Little Charles umgeht. Diese Szene ist so gut. Wie Charles sich zum Helden aufschwingen will und seinen ganzen Mut zusammenimmt…das hat mir das Herz zerrissen.

  2. singendelehrerin schreibt:

    Wahrscheinlich habe ich „Frankenstein“ einfach zu häufig gesehen (und erst im Dezember ein insgesamt fünftes Mal), sodass es mich da einfach gerissen hat. So musste ich erstmal lachen, obwohl die Szene gar nicht zum Lachen war. Trotzdem wirkte die Szene genauso auf mich, wie du es auch beschrieben hast.
    Irgendwie passt aber auch die Parallele zu „Frankenstein“: Little Charles erfährt auch fast ausschließlich Ablehnung von seinen Mitmenschen, insbesondere von seiner Mutter, und dabei möchte er doch so gerne dazugehören, kein „Loser“ sein. Deswegen möchte er ja den anderen so gerne von seiner Liebesbeziehung erzählen! Ich war im Nachhinein so dankbar, dass er es am Essenstisch nicht getan hat… 😦

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