Mandela: Long Walk to Freedom (Justin Chadwick, UK/South Africa 2013)

Ich finde es sehr schwer, diesen Film, der auf der Autobiographie von Nelson Mandela basiert, zu beurteilen. Nach der Sneak Preview gestern habe ich mit „gut“ abgestimmt, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich nicht vielmehr über Mandela selbst abgestimmt habe – statt über den Film.

Ich bewunderte Nelson Mandela insbesondere für die Fähigkeit zu vergeben. Nach allem, was er an Demütigungen erfahren hatte – und die Schwarzen Südafrikas allgemein, und obwohl er vor seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft durchaus nicht mehr nur gewaltfrei für die Rechte der Schwarzen gestritten hatte, strebte er nicht nach Vergeltung, sondern nach Versöhnung. Das zeugt von einer inneren Größe, die nur wenige Menschen besitzen.

Aber wird nun der Film diesem Menschen, dieser Ikone, diesem Helden gerecht?

Nun, manche Kritiker attestieren dem Film, dass er recht konventionell die Lebensgeschichte Mandelas erzählt:

Mandela is straightforward storytelling of a type that’s somewhat out of fashion […]. (David Rooney, Hollywood Reporter, kommt trotzdem insgesamt zu einer positiven Bewertung des Films.)

Like nearly all bad biopics, the film tries to cover the entire arc of its subject’s adult life, from his first marriage and early activities as a lawyer and African National Congress activist in Johannesburg to his 28-year prison term and subsequent triumph in negotiating an end to apartheid. (Scott Tobias, The Dissolve, lässt kaum ein gutes Haar an dem Film, mit Ausnahme des Hauptdarstellers Idris Elba.)

If anything, traditional cradle-to-the-grave narratives like Gandhi now feel as musty and yellowed around the edges as a stack of old newspapers. Sadly, Justin Chadwick’s Mandela: Long Walk to Freedom is that kind of film. (Chris Nashawaty, Entertainment Weekly, gibt dem Film die Schulnote B-, was Metacritic als 67 von 100 Punkten kalkuliert.)

Ja, vielleicht wäre weniger mehr gewesen, auch angesichts der Länge des Films (141 Minuten), aber das Ziel war offensichtlich – nach so Filmen wie Invictus (2009) oder Endgame (auch 2009), die nur kurze Phasen aus Mandelas Leben betrachteten – sein gesamtes Leben (siehe das Zitat von Scott Tobias) zu zeigen. Das mag etwas altmodisch sein, aber ich persönlich habe noch einiges über Mandelas Leben erfahren können. So wusste ich z. B. nicht, dass er als relativ junger Anwalt auch ein rechter Casanova war, der selbst als er dann verheiratet und schon im ANC war, den ein oder anderen Seitensprung begangen hat. Nun könnte man fragen, ob man das wissen muss. Ich fand es gut, dass dies thematisiert wurde, weil man sich so bewusst wurde, dass Mandela auch kein Heiliger war. Auch dass Winnie Mandela 16 Monate in Isolationshaft saß, war mir nicht bekannt – auch wenn das wahrscheinlich etwas ist, das man eigentlich wissen sollte.

Aber vielleicht richtet sich der Film ja auch eher an ein Publikum, das eben nicht die ganze Lebensgeschichte verfolgt hat? Wer kann das auch heute schon noch sagen? Als Mandela zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, war ich ja noch nicht mal annähernd in Planung; ich habe erst Ende der 80er Jahre etwas über ihn erfahren und dann aber mitbekommen, wie das System der Apartheid zerbrach. Also war es für mich interessant zu sehen, wie es dazu gekommen ist. Noch Jüngere kennen ja häufig nicht einmal mehr den Begriff Apartheid, geschweige denn Soweto; die können einen Einblick über die Gewalt, die von diesem Regime gegenüber der schwarzen Bevölkerung ausgeübt wurde, bekommen. Die Szenen, in denen die Brutalität, mit der gegen Anti-Apartheid Demonstranten vorgegangen wurde, gezeigt wird, sind schwer zu ertragen, wenngleich – Gott sei dank, wie ich finde – nicht so erbarmungslos lang wie die in 12 Years a Slave.

Also einfach ein Stück Geschichtsunterricht? Nun, ganz ohne Vorkenntnisse lässt sich wohl nicht verstehen, woher die Gewalt, die auch unter den Schwarzen ausbricht, herkommt. Bei alledem geht es dann doch wieder mehr darum zu zeigen, was das in Mandela bewirkt, als was die Ursachen dafür waren.

Mich hat der Film erst gegen Ende richtig gepackt, obwohl durch das Aging-Make-up für Idris Elba dessen Gesichtszüge nicht mehr natürlich wirkten. Trotzdem, und vielleicht lag es daran, dass Elba dann doch eine gewisse Ähnlichkeit mit Mandela aufwies, die mir vorher fehlte, ist mir das dann doch nahe gegangen, als Mandela endlich frei gelassen wurde, als er sein Volk dazu aufrief, zu vergeben statt Rache zu üben.

Noch ein Wort zu den Schauspielern: ich muss gestehen, auch wenn die Leistung von Idris Elba und Naomie Harris (Winnie Mandela) überall zurecht gelobt wird: Da ich in den letzten Monaten Idris Elba als Luther aus der gleichnamigen BBC-Serie sehr intensiv beobachtet habe (großartige Serie, großartige Hauptfigur) und Naomie Harris als Elisabeth in dem Theaterstück Frankenstein (Regie: Danny Boyle) insgesamt fünfmal gesehen habe (dafür sonst noch kaum), konnte ich mich nur schwer davon lösen, beide in ihren jeweiligen mir am besten bekannten Rollen zu sehen. Wie schon erwähnt, besser ist es mir dann gelungen, als Elba auf alt getrimmt war, in ihm Nelson Mandela zu sehen. Viele Kinogänger werden dieses Problem nicht haben, weil die beiden britischen Schauspieler noch nicht so bekannt sind, wie etwa Morgan Freeman, der Mandela in dem oben erwähnten Invictus spielte.

Was mir insbesondere in der ersten Hälfte des Filmes (ca. bis zur Gerichtsverhandlung) nicht so gut gefallen hat, war die zum Teil recht wacklige Kameraführung. Sehr schön dagegen die Landschaftsaufnahmen! Aber kein Wunder, schließlich wurde der Film komplett in Südafrika gedreht. Sehr passend finde ich, dass U2 den Song zum Abspann liefert, schließlich waren Bono und Mandela sehr eng befreundet, und U2 hatte sich auch schon sehr früh für die Freilassung Mandelas eingesetzt und später hat Bono sich zusammen mit Mandela im Kampf gegen AIDS engagiert.

Vielleicht kein herausragender Film von dem Kaliber eines Gandhi (auch wenn der Mann vom Entertainment Weekly diesen ja als „muffig“ bezeichnet), aber auch kein Film, der das Vermächtnis Mandelas mit Füßen tritt.

6-7 von 10 Punkten.

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