RSC Live: Richard II (Shakespeare)

Die Royal Shakespeare Company (RSC) zieht dem National Theatre nach und überträgt nun auch live aus Stratford-upon-Avon per Satellit in Kinos „all around the globe“.

Als erstes Stück – aus einem geplanten Zyklus der „History Plays“ unter der Regie von Gregory Doran – wurde Richard II übertragen, mit David Tennant in der Titelrolle und Nigel Lindsay als seinem Widersacher Henry Bolingbroke, aus dem dann Henry IV wird. Eine großartige Inszenierung: von der Besetzung (allen voran Tennant als herrlich exzentrischer, leicht weibisch wirkender und narzisstischer König, der gleichwohl auch sehr verletzlich ist) über die Musik (drei Sängerinnen, Bläser, und mehr) bis hin zum Bühnenbild, das hauptsächlich durch Licht- und Bildprojektionen, z. Tl. auf Vorhänge aus Perlenketten, für den passenden Hintergrund und die passende Stimmung gesorgt hat.

Faszinierend fand ich auch, dass David Tennant und/oder der Regisseur Richard II zwei Kuss-Szenen mit Männern gegeben hat. Einmal bittet Henry Bolingbroke im ersten Akt darum, vor dem Duell mit Mowbray die Hand des Königs küssen zu dürfen:

Lord marshal, let me kiss my sovereign’s hand,

And bow my knee before his majesty

Richard II kommt also herunter: „We will descend and fold him in our arms“, geht auf Henry zu und küsst ihn auf den Mund. Das war schon mal eine große Überraschung!

Die zweite Szene war richtig intensiv. Da sitzt er zusammen mit Aumerle (Oliver Rix) und zählt auf, was er jetzt alles verliert bzw. eintauscht:

I’ll give my jewels for a set of beads,

My gorgeous palace for a hermitage,

My gay apparel for an almsman’s gown, […]

während Aumerle neben ihm sitzt und weint. Da sagt Richard II: „Aumerle, thou weep’st, my tender-hearted cousin!“, die beiden sehen sich einen langen Moment lang in die Augen – und dann küsst Richard Aumerle sehr lange auf den Mund. Was für ein zarter Moment – noch selten habe ich eine Szene bei Shakespeare erlebt, die mich so berührt hat.

Der Schauspieler, der mich nach Tennant am meisten begeistert hat, war Oliver Ford Davies (einem größeren Publikum wohl durch seine Rolle als Sio Bibble in STAR WARS 1-3 bekannt geworden) als Duke of York. Allein dessen Mimik brachte mich immer wieder zum Lachen – und er hat die Gabe, die Shakespeare-Sprache so natürlich zu intonieren, dass man ganz vergisst, dass Shakespeare dieses Stück im Vers geschrieben hat.

Oliver Ford Davies as Duke of York and David Tennant as Richard II in Richard II. Photo by Kwame Lestrade

Berührend war auch der Auftritt von Jane Lapotaire, die als trauernde Duchess of Gloucester nicht nur Tränen vergoss , sondern der auch die Nase lief, was bestimmt für viele Zuschauer etwas unangenehm anzusehen war, was aber auch gezeigt hat, wie sehr sie emotional in diese Rolle geschlüpft ist. Wie wir in der Pause erfahren haben, war sie ein langjähriges Mitglied der RSC bis sie 2000 eine Hirnblutung erlitt. Man hat ihr angesehen, welch ein Glück es für sie war, wieder mit der RSC auf der Bühne zu stehen.

Ein weiterer Beweis dafür, dass britisches Theater einfach außergewöhnlich und von aller höchster Qualität ist! Ich freue mich darauf, im nächsten Jahr weitere Stücke aus dem Zyklus der Historiendramen zu sehen. Als nächstes kommt dann natürlich Henry IV.

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