National Theatre Live (NT live): Othello (26.09.2013)

So, die neue Saison NT Live hat begonnen – mit Shakespeares Othello. Vielleicht kurz ein paar Worte zu NT Live: Das National Theatre in London überträgt ausgewählte Stücke per Satellit live (meistens) in teilnehmende Kinos, u. a. in das Cinema in München. Manchmal werden auch Aufführungen aus anderen Theatern gezeigt, wie z. B. aus dem Donmar Warehouse. Genauere Informationen (auch zu den Kinos) hier: http://ntlive.nationaltheatre.org.uk/

Generell – ganz unabhängig von dem Stück, das ich heute bespreche – kann ich es nur empfehlen, dieses Angebot wahrzunehmen. Ich bin ja eher ein Film- als ein Theaterfan, aber erstens ist man in diesem Fall so nah dran wie im Film – die Bühne wird selten in der Totalen gezeigt, man ist meistens ganz nah an den Schauspielern dran und sieht richtig, wie diese körperlich arbeiten -, und zweitens ist britisches Theater einfach großartig! Ab und zu sehe ich mir auch mal deutsches Theater an, und da ist auch mal ab und zu eine Inszenierung dabei, die mich anspricht, aber sowohl sprachlich als auch schauspielerisch als auch von der Regie her, spielt das National Theatre einfach aus meiner Sicht in einer höheren Liga…

Und in dieser Saison, in der auch 50 Jahre National Theatre gefeiert werden wird, wird dreimal Shakespeare gezeigt: Othello (26.9.), Macbeth (Regie UND Hauptrolle Kenneth Branagh; läuft im Cinema als Aufzeichnung am 17. 10. noch 11 freie Plätze) und Coriolanus (mit Tom „Loki/Henry V“ Hiddleston; aus dem Donmare Warehouse am 30.1.2014). Dazu kommen noch ein paar Wiederholungen: Frankenstein (Regie: Danny Boyle, mit Benedict Cumberbatch und Jonny Lee Miller) und Hamlet (mit Rory Kinnear). Ich werde versuchen, alles „mitzunehmen“…

Nun aber zu Othello: Die titelgebende Rolle nimmt Adrian Lester ein, der dem britischen Publikum durch die Serie Hustle wohl sehr bekannt ist. Mir war er bisher nicht wirklich ein Begriff, aber seit Donnerstag weiß ich, was für ein großes Talent er ist. Er spricht das Shakespeare-Englisch einfach so natürlich, dass man kaum mehr wahrnimmt, dass es eben kein alltägliches Englisch ist. Außerdem stellt er die Wandlung von einem Mann, der sich der Liebe seiner Frau gewiss ist (“For she had eyes and chose me.”), zu einem Mann, der so von Eifersucht zerfressen ist, dass er zusammenbricht und schlussendlich seine Frau Desdemona tötet, absolut überzeugend dar – in Mimik, Körpersprache und Tonfall -, auch wenn man als Zuschauer sich schon fragt, warum er sich eigentlich so schnell von Iago davon überzeugen lässt, dass Desdemona und Cassio ein Verhältnis haben.

Aber das liegt natürlich an der Kunst des „honest Iago“, Lügen zu verbreiten, und diese mit vermeintlichen Beweisen zu stützen (das Taschentuch, die nächtlichen Geständnisse Cassios im Schlaf). Rory Kinnear, der sowohl in Produktionen des National Theatre als auch der Royal Shakespeare Company auf der Bühne steht, ist phänomenal als dieser Manipulator. Wie er wechselt zwischen den Monologen, in denen er darlegt, wie er vorgehen wird und seine eigene Eifersucht auf Cassio (und den Mohr Othello) offenbar wird, und den Szenen, in denen er als Vertrauter Othellos selbigen so überaus gerissen manipuliert – das ist wirklich höchste Schauspielkunst! Und als Kinozuschauer hat man gegenüber dem Publikum vor Ort den Vorteil, auch jedes noch so kleine Zucken in seinem Gesicht zu sehen. Dazu kommt, dass man sich in der Inszenierung offensichtlich dazu entschlossen hat, Iago einen leichten Cockney-Akzent zu geben, was es zwar für den Nicht-Muttersprachler etwas schwieriger macht, ihn zu verstehen, aber was enorm den Charakter Iagos unterstützt.

Auch die anderen männlichen Rollen waren super besetzt: so z. B. durch Jonathan Bailey als der charmante Cassio, der aber leider auch auf Iago hereinfällt und sich von ihm „abfüllen“ lässt, was zu einer Schlägerei und seiner Absetzung als Othellos Leutnant führt (ein erster Schritt in Iagos Plan), und Tom Robertson als leicht trotteliger, liebeskranker Rodrigo. Die Besetzung der Desdemona hat mir allerdings irgendwie nicht so gut gefallen: Olivia Vinall war mir irgendwie zu nervig. Dagegen fand ich Lyndsey Marshal als Iagos Frau Emilia recht gut.

Noch ein Wort zur Inszenierung: Nicholas Hytner selbst hat Regie geführt. Er ist der Direktor des National Theatre und hat u. a. 1994 an der Bayerischen Staatsoper Don Giovanni inszeniert (die Liste seiner Inszenierungen ist wirklich beeindruckend: http://en.wikipedia.org/wiki/Nicholas_Hytner#Work , wobei da Othello noch fehlt). Er hat den Stoff in die heutige Zeit versetzt – und so haben die Soldaten alle zeitgenössische Uniformen an („fatigues“ sagt man im Englischen) und die Kulissen erinnern an heutige Kasernen/Stützpunkte irgendwo in einem Krisengebiet. Eine gute Entscheidung, denn so wirkte die ganze Rahmenhandlung einfach noch realer. Insbesondere die Szenen, als die Soldaten mit Trinkspielchen Cassio betrunken machen und das Ganze dann in einer Schlägerei gipfelt, waren überaus nachvollziehbar. Die Truppe befand sich ja quasi umsonst vor Ort, weil der Krieg abgesagt worden ist. Ähnlich muss es auch heute manchen Truppen bei Auslandseinsätzen gehen, wenn mal wochenlang nicht wirklich irgendetwas passiert.

Das Bühnenbild war der Hammer, die Musik von Nick Powell unterstützte die Stimmung sehr gut – rundum eine überaus gelungene Inszenierung!

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